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  • Von: DOAG Online
  • Development NextGen
  • 17.01.2018

„Blockchain besitzt das Potenzial, zahlreiche neue Geschäftsmodelle zu schaffen“

Ingo Sobik, Jahrgang 1992 und Leiter der Next Generation Community, wird am 30. Januar 2018 in Hamburg beim DOAG 2018 DevCamp mit als Akteur an Bord sein. Im Interview gibt er Auskunft zum brandaktuellen Thema „Blockchain“, das er auch beim DevCamp vertreten wird.

Ingo, über 100 Besucher haben dich bei deinem Vortrag „Blockchain - Woher kommt der Hype und wo führt er hin?“ auf der DOAG 2017 Konferenz + Ausstellung in Nürnberg erlebt. Welche Rückmeldungen hast du im Anschluss zu deinen Ausführungen erhalten?

Überrascht hat mich vor allem die hohe Besucherzahl bei meinem Vortrag. Damit hatte ich niemals gerechnet. Im Anschluss gab es zahlreiche Fragen zum Potenzial, aber auch zu technischen Details der Technologie – darunter auch kritische. Dies zeigt meiner Meinung nach, dass viele sich nicht von dem oft so oberflächlichen Hype blenden lassen wollen. Besonders gut hat mir die Frage einer jungen Frau zur Sicherheit der Technologie in einer Welt mit Quanten-Computern gefallen. Die Auswirkungen der stetigen Weiterentwicklung von Quanten-Computern stellt die Blockchain mit Sicherheit vor eine große Herausforderung. Das gilt ebenso für die gesamte Welt der asymmetrischen Kryptographie.

Eine Vielzahl von Medien berichten derzeit über die Blockchain-Technologie, gerade im Zusammenhang mit Kryptowährungen wie Bitcoin. Aus welchen Gründen wird deiner Beobachtung nach das Thema „Blockchain“ in den Medien so intensiv diskutiert?

Ich sehe diese Entwicklung persönlich sehr kritisch, da sich diese Diskussion selten um die Technologie „Blockchain“ selbst dreht. Stattdessen wird immer von Bitcoin und anderen Kryptowährungen gesprochen. Dies ist allerdings nur einer von vielen potenziellen Anwendungsbereichen der Blockchain. Hinzu kommt, dass die Welt durch das enorme Spekulationsgeschäft mit Kryptowährungen zahlreiche Millionäre dazubekommen hat. „Bitcoin & Co.“ wird von vielen als Weg zu schnellem Geld und riesigen Renditen gesehen. Das lockt immer mehr Spekulanten und Anleger. Jeder möchte ein Stück vom Kuchen abhaben. Medial wird folglich oft auch nur diese Seite der Blockchain beleuchtet. Dabei geht es aber in der Regel nicht um die Technologie „Blockchain“.

Welche Aspekte findest du bei der Diskussion momentan besonders spannend?

Viele große technologische Errungenschaften konnten ihr volles Potenzial erst Jahre nach ihrer Entdeckung entfalten. Denken wir da beispielsweise an die Entwicklung des Internets. Ich glaube, niemand aus dem Arpanet-Projekt hätte sich träumen lassen, was aus der Technologie zum heutigen Tag geworden ist. Falls die Blockchain tatsächlich so revolutionär ist, wie so oft behauptet wird, bin ich natürlich sehr gespannt, wie wir in 20 oder 30 Jahren auf die Blockchain blicken. Besonders interessiert mich natürlich die Frage, welche existierenden Branchen bis dahin durch die Blockchain revolutioniert wurden und welche neuen möglicherweise entstanden sind.

In welchem Maße müssen große etablierte IT-Unternehmen das Prinzip „Blockchain“ als fundamentalen Angriff fürchten?

Blockchain sehe ich eher als Chance denn als eine Bedrohung. Als Unternehmen, egal welcher Größe, muss ich mich kontinuierlich den Gegebenheiten des Marktes anpassen. Das heißt auch, dass ich gegebenenfalls mein Geschäftsmodell überdenken und anpassen muss. Ich denke, die Blockchain besitzt das Potenzial, zahlreiche neue Geschäftsmodelle zu schaffen. Sicherlich werden dabei auch alte Geschäftsmodelle auf der Strecke bleiben. Aber Veränderung bedeutet auch, loslassen und umdenken zu können.

Wenn bestehende Unternehmen sich aktiv mit der Technologie und ihrem Potenzial für ihre Branche auseinandersetzen, kann aus der scheinbaren Bedrohung möglicherweise sogar ein neuer Aufschwung werden. Oracle, beispielsweise, zeigt mit dem Blockchain-Cloud-Service ja genau dies: aktives Auseinandersetzen mit der Technologie. Auch wenn damit das dezentrale Konzept etwas ad absurdum geführt wird, ergeben sich daraus zahlreiche neue Use Cases, wenn man zum Beispiel an Supply Chain Management denkt oder allgemein an B2B-Systeme.

Man muss auch realistisch sein: Zwar ist der Gedanke einer vollkommen dezentralen Welt reizvoll, aber die Blockchain ist sicherlich auch kein Allheilmittel für alle Probleme, die mit zentralisierten Systemen zusammenhängen. Im Gegenteil, Dezentralität schafft auch neue Probleme, wie zum Beispiel eine erschwerte Wartbarkeit von Systemen. Von daher glaube ich nicht, dass mit der Blockchain die letzte Stunde der zentralen server-basierten Systeme geschlagen hat.

Welche Entwicklungen erwartest du denn in den kommenden Monaten?

Ohne schwarzmalerisch sein zu wollen, würde ich schätzen, dass die Blockchain in den kommenden Monaten im Bereich der Kryptowährungen irgendeine Form von Schock erfährt. Wie dieser ausfallen wird, kann und will ich nicht bewerten. Wie bereits angesprochen, sind Kryptowährungen nur einer von vielen Anwendungsfällen der Blockchain. Die Technologie selbst wird, langfristig gesehen, davon nicht wirklich beeinträchtigt werden. Möglicherweise ist ein solcher Schock, welcher Art auch immer, sogar notwendig um die Weichen für die Zukunft neu zu stellen, ähnlich wie bei der Dotcom-Blase im Jahr 2000.


Welche Entwicklungen hältst du in den nächsten Jahren für realistisch?

Ich glaube, dass die Blockchain noch aus den Kinderschuhen herauswachsen muss. Die Technologie muss weiter getestet und ausgebaut werden. Erfahrungswerte müssen gesammelt und Probleme mit der Transaktionsgeschwindigkeit und Blockgröße gelöst werden. Da ist noch einiges zu tun. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine Möglichkeit der Ansatz als Cloud Service sein kann und die Technologie dadurch, insbesondere im Bereich der B2B-Applikationen, viel von ihrem Potenzial entfalten kann. 

Darüber hinaus kann ich mir gut vorstellen, dass die Blockchain auch die ein oder andere Branche grundlegend verändern wird. Ich denke da insbesondere an den Energiemarkt. Der Anteil der erneuerbaren Energien wächst in unserem Land zusehends und damit auch die Heterogenität und Verteilung der Energieerzeugung. Bereits heute ist dies eine enorme Herausforderung für Energieversorger. Dies schreit für mich förmlich nach einem dezentralen Energiemarkt. Zumindest die Vorstellung, meinen Solarstrom per App an meinen Nachbarn verkaufen zu können, gefällt mir ganz gut.