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  • Von: Sandra Särav
  • Themen
  • 26.07.2018

e-Estonia – Das kleine Land, das es hinbekommen hat

Estland wird oft als digitaler Spitzenreiter in Europa bezeichnet. Das gut eine Million Einwohner zählende Land hat es bewerkstelligt, e-Solutions aufzubauen, die den Einwohnern nicht nur Zeit, sondern auch Geld sparen. Es ist das erste Land, das Online-Wahlen umgesetzt hat und das einzige Land, das eine e-Residency anbietet. Sandra Särav, Global Affairs Director im CIO-Büro der estnischen Regierung, gibt einen Einblick in Estlands digitale Reise.

Dieser Artikel erschien zuerst im zweimonatlich erscheinenden ORAWORLD e-magazine, einer Publikation der EOUC mit spannenden Geschichten aus der Oracle-Welt, technologischen Hintergrundartikeln und Einblicken in andere User Groups weltweit.

 

Ich wette, das viele von Ihnen den Begriff e-Estonia schon einmal gehört haben. Das hat Estland bekannt gemacht. Vielleicht haben Sie auch Begriffe wie X-Road oder KSI Blockchain gehört, oder dass Estland das Land ist, aus dem Skype kommt. Aber was bedeutet es eigentlich aus strategischer Sicht, eine digitale Gesellschaft aufzubauen? Meiner Auffassung nach geht es um drei Kernpunkte.

Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Ein Leitgedanke ist zwingend erforderlich. Beispielsweise sollten die Bürger in den Mittelpunkt gerückt werden. Im Jahr 2018 wird von Ländern einfach erwartet, dass sie die digitale Transformation angehen, weil Daten das neue Öl sind, und es offensichtlich ist, dass mit der Digitalisierung Kosteneinsparungen einhergehen. Aber so stumpf und langweilig muss es gar nicht sein. Wir finden es natürlich gut, wenn Bürger ihre Steuererklärung machen, aber wie wäre es denn, wenn sie den ganzen Prozess tatsächlich als angenehm empfinden würden? Was würden die Bürger wollen? Nun – wie wäre es, wenn man nicht Tage oder gar Wochen für die Steuererklärung benötigen würde? Was wäre, wenn Sie die Erklärung innerhalb weniger Minuten machen könnten? Oder wenn Sie als Unternehmen überhaupt keine Steuererklärung machen müssten? Wie wäre es, wenn Sie einfach bei der Steuer- und Zollbehörde Ihr Einverständnis zum Sammeln von Echtzeit-Daten abgeben und sich überhaupt nicht mit der ganzen Thematik auseinandersetzen müssten?

Die Daten könnte man dann vielleicht auch auf andere Arten nutzen – zum Beispiel beim Aufbau einer Echtzeit-Wirtschaft. Und genau das machen wir gerade. Wir bauen nahtlose Dienste auf, um einen proaktiven Staat zu schaffen, der die Bedürfnisse der Bürger bereits kennt, ehe sie nach etwas fragen. Das bedeutet außerdem, dass wir die an uns übergebenen Daten dazu verwenden, um vorherzusehen, was die Wirtschaft als nächstes machen wird. Es ist als ginge man in ein Restaurant und ließe die Bedienung seine Gedanken lesen, um die perfekte Kombination aus Wein und Gericht serviert zu bekommen. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass es günstiger ist als McDonald's.

Zweitens: Digitalisierung muss stabil sein, aber Innovationen können nicht stehen bleiben. In Estland wissen wir, dass man immer nach vorne schauen muss und sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen darf. Zum heutigen Stand sind 99 Prozent aller öffentlichen Dienstleistungen in Estland online. Bereits 2002 haben wir nationale Pflichtausweise eingeführt, über die alle diese Dienstleistungen zugänglich sind. Im Jahr 2015 hatten wir annähernd alle Dienstleistungen online bereitgestellt und jeder Dritte nutzte die Möglichkeit, über das Internet zu wählen. Aber auch das war uns noch nicht genug.

Bei meinem ersten Punkt erwähnte ich bereits, dass ein Staat proaktiv sein sollte. Es ist jedoch nicht nur das. In der digitalen Welt geschieht immer etwas Neues, zu dem man aufschließen muss. Das Schlagwort für 2018 ist beispielsweise Künstliche Intelligenz (KI). Und es gibt streng genommen nur zwei Optionen: a) alles überregulieren und damit gleich zum Scheitern verurteilen, ohne irgendeinen Nutzen daraus zu ziehen; oder b) überlegen, wie einem selbst und den Bürgern geholfen werden kann. Estland packt den Stier bei den Hörnern. Wir sehen, dass wir uns für die Möglichkeiten von KI öffnen müssen.

Im Augenblick liegt einer unserer Schwerpunkte auf personalisierter Medizin: Mithilfe von KI könnten wir die Gesundheitsvorsorge auf ein neues Level bringen. Im letzten Jahr war das Modewort selbstfahrende Autos. Wir wollten auch dabei sein und haben selbstfahrende Busse auf den Straßen von Tallinn getestet – und zwar erfolgreich. Jetzt haben wir einen Plan für ein Projekt zur Einführung von selbstfahrenden Fahrzeugen in Estland. Einige Jahre davor haben wir unsere digitalen Dienstleistungen über unser e-Residency-Programm für die ganze Welt geöffnet. Wir haben Stand heute über 30.000 e-Einwohner aus über 150 Ländern, die unsere digitalen Dienstleistungen in Estland nutzen. Und weit davor waren wir das erste Land, das Internet-Wahlen getestet hat. Es gibt also immer etwas, auf das man sich freuen kann. Und wenn die großen Tech-Unternehmen innovativ sein können, dann können wir das als Land auch.

Mein dritter Punkt hängt mit dem ersten zusammen, aber ich möchte noch einmal betonen, dass es bei Digitalisierung nicht nur um die Technologie geht und um technologische Fähigkeiten, sondern auch um die Einstellung. In der globalen Welt von heute kann man von überall technische Talente anwerben. Wir laden andere Länder ein, unsere Lösungen zu implementieren, wie etwa das sogenannte Backbone von e-Estonia, unsere Datenaustauschschicht X-Road, die uns mehr als 800 Arbeitstage jährlich einspart.

Aber es geht nicht nur um die Einführung eines Ausweises. Denken Sie eher so: Ich bin bisher immer Volvo gefahren, aber wie wäre es, wenn ich mal einen Tesla ausprobieren würde? Was wäre, wenn ich auf den Mars ziehen würde? Dafür ist natürlich viel Vertrauen notwendig. Wenn wir über Digitalisierung sprechen, müssen die Bürger ihrem Staat vertrauen – aber der Staat muss auch seinen Bürgern vertrauen. Um dies sicherzustellen gibt es mehrere Möglichkeiten. In Estland bleiben die Bürger oder die Unternehmen beispielsweise die Eigentümer ihrer Daten. Sie erlauben lediglich den Zugriff auf die Daten durch den Dienstleister. Und die Mehrheit der kritischen Daten sind über Blockchain gesichert – somit gibt es keinen wirklichen Grund zur Besorgnis. Wir können prüfen, welche Mediziner unsere Krankenakte eingesehen haben und können die Einsicht bei Bedarf (vor Gericht) infrage stellen. Aus diesem Grund haben 97 Prozent der Patienten eine landesweit zugängliche, digitale Akte. Außerdem nutzen wir fast ausschließlich digitale Rezepte. Das ist unsere Denkweise: Wenn Dinge einfacher, schneller und effizienter online funktionieren, dann setzen wir das um.