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  • Von: DOAG Online
  • Business Solutions
  • 26.04.2013

Michael ten Hompel: „Das 20. Jahrhundert mobilisierte Menschen – das 21. mobilisiert Dinge“

„Die Logistikbranche wird immer offener, schnell zu sein ist wichtiger als alles andere. Die Logistik muss sich darüber im Klaren sein, dass sie diese Entwicklung betreiben muss. Wir haben die Chance und die Kreativität, es aus Deutschland heraus zu machen“, beteuert Professor Doktor Michael ten Hompel in einem eindrucksvollen Plädoyer. Innovation in der Logistik, lautet das Motto der diesjährigen DOAG 2013 Logistik Konferenz, die am 25. April in Hamburg stattgefunden hat.

Mit seiner Keynote entführt ten Hompel die Konferenzbesucher in eine Welt voller neuen Möglichkeiten. Es ist ein Universum, in dem intelligente Behälter (sogenannte iBin) per integrierte Kamera ihren Füllstand eigenständig überwachen und bedarfsgerecht Bestellungen auslösen.  „Es kostet nichts. Sie können sie für 15 Euro kaufen“, betont er und fügt hinzu: „Wenn Sie 100.000 Stück kaufen.“  

In dieser Welt gibt es auch Schwärme von Fahrzeugen, die autonom handeln. Sie erkennen nicht nur Ihre Stationen, sondern sind auch in der Lage, miteinander zu kommunizieren. Die Fahrzeuggehäuse werden mit 3D-Druckern produziert. Das sind Projekte des Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, an dem ten Hompel geschäftsführender Institutsleiter ist. Was auf dem Boden funktioniert, gilt auch für die Luft. Schwärme kleiner Helikopter scannen im Flug das Schüttgut und vermessen dessen Volumen.

Was ten Hompel in seiner Keynote präsentiert, ist die Logistik von Morgen. „Das 20. Jahrhundert mobilisierte Menschen – das 21. mobilisiert Dinge“ fasst er in seiner fulminanten Keynote zusammen. In den Pausen und anschließendem Get Together sorgt die Keynote weiterhin für rege Diskussionen: „Es war ein visionärer Blick  in eine Zukunft, die schon fast Realität ist. Darin steckt sehr viel Potential. Es ist schön, eine derart positive Botschaft zu hören“, so Robert Geist von der EuroChem Agro GmbH Logistik.

Die vierte industrielle Revolution

Nach der Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung der Produktion steht nun eine neue industrielle Revolution bevor: Das Internet der Dinge.  Ten Hompel gilt als einer der Väter des Internet der Dinge. „Aber die Verwirklichung dieser Vision erfolgt ganz anders, als ich es vor 15 Jahren für möglich gehalten hätte“. Und diese Revolution ist nicht nur technisch möglich – sie ist auch absolut nötig, um technologischen Wandel, aber auch Wirtschafts-, Gesellschafts- und Klimawandel  zu gestalten. „Es sind revolutionäre Erkenntnisse“, sagt Besucher Ailt Ladwig von der Firma Hofmeister & Meincke GmbH & Co IT. „Wir haben einen Einblick in eine Entwicklung bekommen, die unglaublich schnell verläuft. Wir dürfen den Anschluss nicht verpassen.“

Warum Automatisierung in der Logistik absolut notwendig ist, zeigt ten Hompel anhand eines Beispiels: Die Anzahl der Mitarbeiter zwischen 30 und 45 Jahren ist um 25 Prozent zurückgegangen. Diese tiefgreifende Änderung der Altersstruktur, werde Deutschland nur durch Automatisierung überwinden können.

Parallel zum Internet der Dinge entwickelt sich das Internet der Dienste, die unter dem Stichwort Cloud Einzug in die IT-Welt gefunden hat. Die Bereitstellung von Software und Rechnerleistung on-demand ermöglicht eine Flexibilität, die bis Dato nicht denkbar war, denn: Die Komplexität und Rigidität des klassischen Supply-Chain-Management stünde der Notwendigkeit zur Flexibilisierung diametral entgegen, meint ten Hompel.

Welchen Einfluss die digitale Welt auf unsere Gesellschaft hat, zeigt ten Hompel mit sehr plastischen Beispielen: In China werden täglich zirka 100.000 neue Nutzer an das Internet angeschlossen. „Jeden Tag geht in China eine Großstadt online“, so der Wissenschaftler. Zudem sei die Produktion heute eng mit einer Medienleistung verbunden. Wenn ein Hersteller ein Auto an den Markt bringt, gibt es gleich eine App dazu, möglicherweise auch noch eine Armada von sozialen Medien. Durch diese entstünde auch ein schlagartiges Interesse für Produkte: Verkündet Lady Gaga ihr Interesse für Schuhe eines besonderen Labels auf Twitter, steigt die Nachfrage blitzartig. Es sind neue Anforderungen, die auch die Logistik meistern muss.

Der Einzug ist die Cloud ginge unglaublich schnell und einfach: „Die Firma Hansa hat innerhalb von wenigen Tagen ihr Distributionszentrum in die Cloud gebracht“, betont ten Hompel. Über die Flexibilität hinaus ermögliche die Cloud eine Vereinfachung und Standardisierung der IT-Infrastruktur. Ob Private oder Public - es sei ein Weg, die Logistik erfolgreich zu gestalten.

Während ten Hompel eine Standardisierung von IT-Infrastrukturen für absolut notwendig hält, warnt er zugleich vor dem Versuch, Prozesse zu standardisieren. „Prozesse werden wir nicht standardisieren können.“ Der Grund: Sie sind von Unternehmen zu Unternehmen zum einen viel zu unterschiedlich. Außerdem erzielen Firmen aus gut laufenden Prozessen Wettbewerbsvorteile. Aber die Kommunikation, die Umgebung, sogar die Services ließen sich standardisieren. Dass logistische Services bereits jetzt in standardisierter Form abrufbar sind, veranschaulicht der Vortrag „Logistics Mall – virtueller Marktplatz für Logistiksoftware“ im Stream Vernetzung in der Logistik.

„Es wird keine Weltordnung geben. Die Welt wird sich selbst ordnen“, meint der Dortmunder Universitätsprofessor. „Wir können aber einen Anteil daran haben, indem wir selber mitgestalten,“ schlussfolgert Hompel. Dass dies nur durch Innovation zur erreichen ist, zeigen im Laufe des Tages  auch die Vorträge in den drei Streams Governance, Sicherheits- und Risikomanagement sowie Automatisierung und Vernetzung in der Logistik.

Das Fazit der Teilnehmer nach der Veranstaltung, die die DOAG in Kooperation mit der Logistik-Initiative Hamburg und Oracle organisiert: Eine rundum gute Konferenz mit interessanten Vorträgen, einer hervorragenden Keynote und regen Gesprächen in den Pausen und in der Ausstellung.