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  • Von: DOAG Online
  • Themen
  • 08.02.2017

„Unternehmen, die die Digitalisierung ignorieren, sollten ihr Testament machen“

Als Jean-Jacques van Oosten Ende 2013 zur Rewe Group kam, steckte die digitale Transformation beim Lebensmittelriesen noch in den Kinderschuhen: Die Position des Chief Digital Officers wurde eigens für ihn geschaffen. Im Interview mit DOAG Online sprach er über die Digitalisierung des stationären Handels und wagte einen Blick in die Zukunft.

Als Jean-Jacques van Oosten Ende 2013 zur Rewe Group kam, steckte die digitale Transformation beim Lebensmittelriesen noch in den Kinderschuhen: Die Position des Chief Digital Officers wurde eigens für ihn geschaffen. Im Interview mit DOAG Online sprach er über die Digitalisierung des stationären Handels und wagte einen Blick in die Zukunft.

Herr van Oosten, kann ein Unternehmen heutzutage noch die Digitalisierung ignorieren und trotzdem erfolgreich sein?

Nein. Diese Unternehmen sollten ihr Testament machen.

Was würden Sie denn Unternehmen raten, die heute noch ganz am Anfang ihrer digitalen Strategie stehen?

Der Wunsch nach digitaler Transformation muss in die DNA übergehen. Die Verankerung eines Chief Digital Officers im Kreis der Entscheider ist ein notwendiger Schritt, damit die Transformation die notwendige Geschwindigkeit und gleichzeitig genug Aufmerksamkeit bekommt. Eine Transformation hin zu digitalen Geschäftsmodellen, schlanken Arbeitsweisen und einer modernen Kultur ist ein Muss, wenn ein Unternehmen relevant und somit zukunftsfähig bleiben will.

Mit welcher Strategie begegnen Sie bei Rewe der Digitalisierung?

Wir wollen dem Kunden das beste Einkaufserlebnis bieten und das über alle Kanäle. So erhalten die Kunden mit dem unserem Lieferservice auf einem sehr bequemen Weg online bestellte Lebensmittel bis an die Wohnungstür geliefert. Gleichzeitig können sie online bestellen und die Ware in unserem Abholservice abholen. Stationär wird dem Kunden u.a. ein kostenloses W-LAN angeboten. Wir verzahnen den stationären Einkauf mit unseren Online-Angeboten immer stärker. Dabei setzen wir auf moderne Infrastruktur, agile Entwicklungen, eine offene Unternehmenskultur und innovatives Denken. Die Rewe Group hat eigens für Sie die neue Position des Chief Digital Officer geschaffen.

Welche Herausforderungen brachte die Stelle mit sich?

Als die Stelle geschaffen wurde, war dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Wichtigkeit des Themas bewusst, daher wurde ich direkt von allen Seiten zu 200 Prozent unterstützt. Anfangs mussten wir ein Team entwickeln, Wachstum managen, digitale Infrastruktur bauen, das Geschäftsmodell des Lieferservices ausbauen und eine gute Verzahnung zwischen dem Online- und dem stationären Handel aufbauen. Nach nun drei Jahren haben wir ein super Team mit sehr motivierten Mitarbeitern, sind in Deutschland Marktführer mit dem Rewe Lieferservice, haben den Spagat zwischen Online- und stationärem Handel gut geschafft und die digitale Transformation der gesamten Rewe Group eingeleitet.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung bei Rewe auf die Unternehmenskultur und Organisation?

Rewe digital hat einen starken Einfluss auf die gesamte Rewe Group. Agilität ist da sicherlich nur ein Stichwort. Besonders aber die gelebte Kultur innerhalb von Rewe digital, mit viel Transparenz, wenig Hierarchien und schnellen Entscheidungswegen, inspiriert den gesamten Konzern. Gleichzeitig profitiert auch Rewe digital von vielen erfolgreichen und etablierten Prozessen und Strukturen der Rewe Group.

Sie haben schon viele internationale Stationen im Bereich e-Commerce durchlaufen, darunter Unilever und Tesco. Wie schlägt sich Deutschland in der digitalen Transformation?

Deutsche Unternehmen sind sehr vorsichtig und etwas risikoscheuer, als zum Beispiel in Großbritannien. Im Vergleich laufen wir in Deutschland in vielen Industrien der Konkurrenz aus dem Ausland um Jahre hinterher. Das zeigt sich wunderbar in der Automobilindustrie und beim Thema der autonomen Autos. Hinzu kommt, dass die Konsumenten in Deutschland langsamer digitale Dienstleistungen adaptieren. So hat der Online-Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland einen Marktanteil von weniger als ein Prozent, in Großbritannien liegt er bei mehr als acht Prozent. Deutschland darf sich also nicht ausruhen, sondern muss noch einige Hausaufgaben machen.

Was ist Ihre Zukunftsprognose, wie wird sich Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung entwickeln?

In den kommenden Jahren wird sich das Konsumverhalten der Kunden überall massiv verändern. Desktop-Computer werden stärker verschwinden und der „Mobile First“-Ansatz wird sich durchsetzen. Automatisierung und Robotik werden Teil unseres Alltags und Big Data wird eine wichtige Grundlage, um Produkte und Dienstleistungen zu personalisieren, und das alles unter Berücksichtigung des Datenschutzes. Wenn Deutschland die Bühne nicht den großen amerikanischen Konzernen überlassen will, müssen Unternehmen die digitale Transformation ernst nehmen und alte Strukturen aufbrechen.