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  • Von: DOAG Online
  • Development Business Solutions Business Intelligence
  • 01.06.2017

Wider die digitale Schizophrenie

Wie gelingt der Sprung in die Digitalisierung? Jan Fleck, Senior Innovation Strategist von Future Candy, erklärt im Interview, woran es gerade deutschen Unternehmen oft mangelt und wie man sich die Digitalisierung stattdessen zu Nutze machen kann. Der Keynote-Speaker der DOAG 2017 Logistik + IT spricht außerdem über die Auswirkung neuer Technologien auf die Logistik-Branche.

Herr Fleck, wenn Sie an die letzten zehn Jahre denken: Was waren für Sie die bedeutendsten technologischen Entwicklungen?

Kürzlich hat das iPhone seinen zehnjährigen Geburtstag gefeiert. Denkt man an die letzten zehn Jahre, so kommt man am Smartphone also kaum vorbei, sowohl was den veränderten, mobilen Umgang mit Informationen betrifft, als auch die kulturelle Auswirkung dieser Technologie. Inzwischen ist ja derjenige, der am Bahnsteig nicht auf sein Handy starrt, derjenige, der „auffällig“ ist. Darüber hinaus sind in den letzten 10 Jahren aber auch neue Technologien wie Virtual Reality, Augmented Reality und Robotics im Consumer-Markt angekommen und es wird spannend sein, ihre weitere Entwicklung zu verfolgen.

Welche Entwicklungen werden für zukünftige Business-Modelle eine entscheidende Rolle spielen?

Viele derzeit erfolgreiche Business-Modelle lassen sich auf den – inzwischen fast schon etwas strapazierten – Begriff der digitalen „Plattform“ bringen. Hier werden Anbieter und Konsumenten spezifischer Services zusammengebracht, wie die Beispiele Airbnb oder Uber zeigen. Gerade Uber ist für die Logistikbranche ein gutes Beispiel, da das Unternehmen seine Plattform mit Uber Freight gerade gezielt für den Gütertransport öffnet. Ebenso werden Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen und so etwas wie die „Basistechnologie“ für unterschiedliche (cloudbasierte) Business-Anwendungen darstellen.

Welchen Einfluss haben neue Technologien wie zum Beispiel Drohnen oder selbstfahrende Autos auf die Logistik-Branche?

Zunächst: Sie stellen technologische Möglichkeiten dar, die Auslieferung im Sinne des Kunden zu erleichtern, zu beschleunigen und zu verbessern. Ebenso handelt es sich um Beispiele, die gesellschaftlich heiß diskutiert werden, man sieht also, wie soziokulturelle bzw. politische Fragestellungen die technologischen Möglichkeiten überlagern. Es bleibt abzuwarten, inwiefern die gesetzliche Regulierung das freigeben und die Gesellschaft so etwas akzeptieren wird. Laut einer aktuellen Umfrage des TÜV Rheinland würden sich fast 90 Prozent der 18- bis 29-jährigen einem autonom fahrenden Auto anvertrauen, allerdings werden sicher noch ein paar Jahre ins Land gehen, bis sich diese Technologie durchsetzen wird.

In der Logistik kommt gegenüber dem Consumer-Bereich ein „funktionaler“ Aspekt hinzu: selbstfahrende LKWs sparen Ressourcen, da der Mitarbeiter, der normalerweise acht Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, sich nun ganz anderen Aufgaben widmen kann. Dadurch ergeben sich wiederum neue Berufsprofile.

Schließlich wird auch der 3D-Druck langfristig eine wichtige Rolle für die Logistik spielen. Die Technologie hat ein großes Potential, um die Wertschöpfungsketten und Supply Chains fundamental zu verändern. Die Konsumgüter rücken damit „näher“ an den Kunden heran, was weitreichende Konsequenzen für die Lieferwege hat. Die Frage wird dann sein: „Lassen wir 5.000 Barbie-Puppen in China produzieren und anschließend hierher verschiffen, oder wird die Barbie zukünftig als Einzelexemplar im Kinderzimmer ausgedruckt?“ Damit entfiele der herkömmliche Logistik-Weg vollständig.

Wie macht man sich die digitale Transformation zu Nutze?

Die Gewinner werden diejenigen sein, die sich neuen technologischen Möglichkeiten nicht verschließen. Unternehmen sollten sich neue Technologien proaktiv zuwenden, um dadurch den Kundenservice und Produkte zu verbessern. Deutschland ist eigentlich ein sehr technikaffines Land, aber wir sind sehr zögerlich, wenn es um die Adaption von neuen Technologien geht. Man spricht in diesem Sinne auch von digitaler Schizophrenie.

Unternehmen im Silicon Valley gelten oft als die Vorreiter bei der Anwendung von innovativen Methoden. Was machen die Unternehmen dort anders als die deutschen?

Ich möchte das Silicon Valley gar nicht pauschal glorifizieren. Man kann also nicht blind sagen, „Alles was im Silicon Valley gemacht wird, ist gut“. Was aber beeindruckt, sind die Umsetzungsfreude und Agilität, die dort zusätzlich zur Technikbegeisterung herrschen. In Deutschland werden die neuen Technologien durchaus diskutiert, aber fast immer mit einem negativen, besorgten Grundton belegt: Roboter, Daten, Cloud, künstliche Intelligenz – alles scheint in die Katastrophe zu führen. Ich glaube, dass man lernen sollte, neue Technologien auch anzunehmen. Die deutsche Angst ist dafür nicht gerade förderlich.

 

Veranstaltungshinweis

Die DOAG 2017 Logistik + IT findet am 20. Juni in Hamburg statt. Die Themen: Digitalisierung in der Logistik, Industrie 4.0, E-Commerce, Internet of Things (IoT) und Mobile Computing. Weitere Infos und Tickets