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  • Von: DOAG Online
  • 11.05.2018

Zukunft der Erde 5.0: „Wichtig sind Menschen, die sich der Digitalisierung verschreiben und die Weiterentwicklung vorantreiben“

In seiner Eröffnungskeynote „Erde 5.0: Retten wir die Welt - Warum Digitalisierung dafür sorgt, dass wir keinen zweiten Planeten brauchen“ auf der DOAG 2018 Logistik + IT wird Dennis Schenkel erläutern, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, eine neue Welt zu gestalten. Wir fragten nach, wie es um die aktuelle Erde bestellt ist und wie eine Erde 5.0 aussehen kann.

Die Erde 5.0 ist eine Vorstellung der zukünftigen Erde. Was können wir uns unter der aktuellen Erde 4.0 und den „Vorgängerversionen“ konkret vorstellen?“

 

Der kürzlich verstorbene Stephen Hawking hat davor gewarnt, dass wir Menschen bei unverändertem Umgang mit den Ressourcen die Erde in 100 Jahren verlassen müssen, weil sie dann zugrunde geht. Wir Menschen müssten uns dann einen alternativen Ort aussuchen, wo wir leben können.

Auf dieses Ziel entwickeln wir uns mit der aktuellen Erde 4.0 mit ihrer Industrie 4.0 hin. Industrie 4.0 ist verbunden mit Fragen wie „Wo können wir jeden einzelnen Prozess weiter optimieren?“, „Wo können wir Sensoren anbringen?“, „Wo können wir noch weitere Daten erheben, um ein Produkt um weitere drei Prozent effektiver zu produzieren?“, „Wie können wir aus Ressourcenquellen die Rohstoffe noch effektiver gewinnen?“, „Wie können wir die Erde noch effizienter ausbeuten?“.

Das ist mein Verständnis vom Denken auf der Erde 4.0: Wir haben schon ein gewisses Verständnis für Nachhaltigkeit, allerdings sind unser Ressourcenhunger und Optimierungsdrang so groß, dass wir auf eine Krise zulaufen.

Die Gesellschaft der aktuellen Erde 4.0 ist durch Ungleichheit bei der Verteilung von Ressourcen, Lebensmitteln, Wasser geprägt: Auf der einen Seite gibt es enormen Überfluss, zum Beispiel Fleisch zu absoluten Dumpingpreisen. Uns Menschen stört das momentan noch wenig. Auf der anderen Seite gibt es auf der Erde Gebiete ohne freien Zugang zu Wasser, weil Großkonzerne das Wasser abschöpfen und zu horrenden Preisen verkaufen. In diesen Gebieten findet die Optimierung nicht statt, sodass die Verbesserung der Lebenssituation anderer Regionen der Erde hier noch nicht erreicht ist.

 

Das heißt, dass die Vorgängerversion Erde 3.0 die Zeit der 70er Jahre beschreibt, in denen die ersten Anzeichen von Energie- und Ressourcenkrisen deutlich zu spüren waren, allerdings noch keine digitalen Ideen zur Lösung vorhanden waren. Richtig verstanden?

 

Genau. Wir befinden uns in der Generation mit Erde 4.0 mit ihrer Industrie 4.0 mit den ersten digitalen Gedanken zur Lösung von Ressourcenproblemen. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Phase „4.0“ nur ein Zwischenstopp zur Phase „5.0“ sein kann.

 

Wir sind gespannt, was Sie konkret mit der Gestaltung der Erde 5.0 mit Hilfe der Digitalisierung meinen ... .

 

Die Verteilung von Ressourcen kann durch die Digitalisierung verbessert werden. Diese Digitalisierung geht über die Vernetzung von Computern und Optimierung von Datenströmen hinaus. Diese Digitalisierung setzt bei dem Thema der „Sharing Economy“ an. Schauen wir uns unsere Städte an: Der Nutzungsgrad von Autos liegt hier zwischen drei und sieben Prozent. Die restlichen 93 Prozent der Zeit steht das Auto auf dem Parkplatz oder in der Garage und wird nicht genutzt. Mit fünf bis zehn Prozent der vorhandenen Autos könnten wir die gleiche Nutzungsrate erreichen.

Jeder könnte ein Auto nutzen, wenn wir es schaffen würden, durch digitale Plattformen eine entsprechende „Sharing Economy“ aufzubauen, die das benötigte Auto für die Nutzer passgenau zur Verfügung stellt. Wenn wir allerdings nur jedes zehnte oder zwanzigste Auto brauchen, hat das Einfluss auf die Produktion der Autos und den Verbrauch der Ressourcen wie Metall, Kunststoffe, Seltene Erden und die entsprechende Ausbeutung der Erde.

Zu besser durchdachten Produktionsprozessen kann auch das Thema „Circular Economy“ gehören mit Antworten auf die Frage: „Wie kann ein Produkt nachher wieder auseinandergebaut werden, sodass es einen möglichst kleinen Ressourcenverlust gibt?“

Auch die Blockchain kann sehr helfen. Es gibt bereits jetzt Flüchtlingslager, in denen über die Blockchain sichergestellt wird, dass jede Person genau das Maß an Hilfe erhält, auf das sie Anspruch hat. Das wird im Kleinen in einigen Flüchtlingslagern schon gemacht. Im Großen könnte es in Ländern der Dritten Welt zu einer faireren Ressourcenverteilung beitragen – beispielsweise bei der Zuweisung von Flächen und der entsprechenden Besitzdokumentation. Fast jeder Mensch hat ein Smartphone, auch in Krisenregionen. Flüchtlinge sind teilweise ohne Schuhe und Kleidung, aber mit ihrem Smartphone unterwegs. Das wird gehütet wie ein Schatz, sodass eine gewisse digitale Grundinfrastruktur vorhanden ist und ausgebaut werden kann.

Man muss sich bewusst sein, welche Rolle die Digitalisierung in lebensbedrohlichen Situationen inzwischen hat: Als Navigationsmittel, als letzte Verbindung zur Familie, als Möglichkeit zum Senden eines Notrufsignals.

 

Kann die Rettung der Erde denn nur unter Einbindung der Digitalisierung möglich werden?  

 

Klar ist, dass wir ausschließlich mit der vorhandenen Infrastruktur nicht die nächsten zwanzig Jahre gestalten werden. Wir müssen daher neue digitale Lösungen in die richtige Richtung entwickeln. Kritiker fragen, was mit den zunehmend erhobenen Daten geschehen soll und ob der Mensch immer abhängiger von Apps wird. Wir sind an der Schwelle, wo wir uns entscheiden müssen, ob die Digitalisierung uns Menschen oder wir Menschen die Digitalisierung beherrschen.

 

Was meinen Sie konkret?

 

Wir sollten uns der Chancen bei der Digitalisierung bewusst werden. Deswegen auch das Thema „Erde 5.0“. Die Frage ist hier: Wo können wir eine positive Digitalisierung entwickeln und richtig nutzen, sodass wir keinen zweiten Planeten brauchen? Wir müssen Bilder von der Zukunft entwickeln. Das läuft nicht über ein zentrales Gremium, das sich stellvertretend für die ganze Menschheit Gedanken macht. Das ist ein iterativer Prozess: Die Menschheit wird sich insgesamt mehr damit beschäftigen müssen, wie die Zukunft aussehen soll.

 

Das hört sich nach einem anspruchsvollen und eher abstrakten Programm an. Was zeichnet denn ideale Mitstreiter für Ihre Gedanken bei gesellschaftlicher Umgestaltung konkret aus?

 

Ich bin froh über jeden, der sich mit dem Thema beschäftigt, vorneweg geht und Lösungen entwickelt. Wichtig sind Menschen, die aus eigenem Antrieb sich beispielsweise dem Thema Blockchain verschreiben und die Weiterentwicklung vorantreiben. Schauen wir uns die Begründer der ersten Ideen im Bereich „Sharing Economy“ an, abseits von Vermittlungsdiensten für Fahrdienste oder Wohnungsmietangebote. Denen ging es um die faire Verteilung von Ressourcen und weniger um den finanziellen Aspekt. Ein Nachteil der Erde 4.0 ist, dass wir sehr kapitalorientiert denken.

Mit der Erde 5.0 kommen wir allerdings immer weiter weg von der Konzentration auf Kapital hin zu einem Verständnis für andere gesellschaftliche Bedürfnisse. Wir können uns endlich wieder vermehrt dem Sozialleben und gesellschaftlicher Verantwortung widmen. Wenn das Kapital eine weniger wichtige Rolle spielt, können wir neue Initiativen für die Umwelt und Mitmenschen starten. Dies führt zu einer besseren Erde für uns alle.

 

Bitte Butter bei die Fische – wie setzen Sie persönlich diese Forderungen nach menschlichem Engagement um? Und wo sehen Sie erste Erfolge?

 

Wir wissen nicht, ob eine neue Idee wie das bedingungslose Grundeinkommen funktioniert. Wir müssen aber über solche Konzepte diskutieren, auch um auf weitere Ideen zu kommen, die vom Kapitaldenken wegführen und uns Freiräume schaffen, um gesellschaftlich Gutes zu tun. Vielleicht werden wir Arbeitskräfte, die durch die Digitalisierung ihren Arbeitsplatz verlieren, nicht sofort für neue Arbeitsbereiche trainieren können. Die technologische Entwicklung wird nie wieder so langsam vonstatten gehen wie sie es heute tut.

Wir haben heute schon ein Geschwindigkeitsproblem, das wird aber enorm zunehmen. Das heißt, dass es für Menschen schwer werden wird, mit dieser Geschwindigkeit auf dem Arbeitsmarkt mitzuhalten. Aber: Das gibt uns ganz andere Möglichkeiten, aus den Büros rauszukommen und den Fokus auf das Sozialleben zu legen. Vielleicht will ich statt im Büro bei meinen Kindern im Kindergarten arbeiten, in der Pflege oder in der Schule … .

 

… und das ganze Leben eher in Abschnitten wahrnehmen? Im Sinne von „Ich will mir Offenheit bewahren und Neues erfahren“?

 

Genau. Der Mensch muss verstehen, dass er immer wieder in neue Phasen kommt, in denen er sich neue Fähigkeiten aneignen muss. Gerade die aktuelle Jugendgeneration tritt mit dieser Grundeinstellung in den Arbeitsmarkt: „Ich bin mir dessen bewusst, dass ich ein Leben lang lernen und neue Fähigkeiten aneignen muss.“ Diese flexible Einstellung benötigen wir auf einer Erde 5.0.

 

Nötig ist dann allerdings, dass die Rahmenbedingungen einer solchen sich immer wieder neu ausrichtenden Gesellschaft nicht ein „Du musst“ von Menschen fordern, sondern das „Du darfst“ möglich machen.

 

Ja, es geht um die nötige Erweiterung der Freiheitsgrade. Wir müssen mit allen Menschen diskutieren, wohin sich die Gesellschaft verändern soll, sodass sich jeder frei entwickeln kann.

 

Zurück zu meiner Frage, welche Konsequenzen Sie selber ziehen: Wo haben Sie die Chancen durch die Digitalisierung für sich selber umgesetzt?

 

Mir macht aktives Gestalten enorm Spaß. Ich hoffe, dass diese Gedanken bei anderen Menschen reifen. Ich selber mache ehrenamtlich Veranstaltungen zu Themen, die mir am Herzen liegen und gar nichts mit meinem Job zu tun haben. Ich will die Gesellschaft prägen und Lust auf Zukunft machen. Ein konkretes Beispiel: Als vor zweieinhalb Jahren die Flüchtlingskrise akut wurde, habe ich als freiwilliger Helfer mitgemacht.

 

Wenn sich über Nacht in unserem Leben etwas ändern könnte, was wäre das?

 

Weniger Neid bei uns Menschen! Insbesondere bei den Menschen, die in Ländern wie Deutschland leben. Wir leben in einer Gesellschaft, der es mehr als gut geht. Wir müssen keine Angst davor haben, dass wir verhungern oder dass uns Bomben auf den Kopf fallen. Trotzdem gibt es unzählige Menschen, die ihren Mitmenschen nichts gönnen und nur das eigene Wohlergehen im Kopf haben.

Die Flüchtlingskrise hat wieder einmal gezeigt, dass der solidarische Gedanke oft nicht sehr weit reicht. Ich denke, dass wir in weiten Teilen der Gesellschaft vergessen haben, wie schlecht es uns einmal gegangen ist.

Wir haben den Vergleich und das Gespür für die Relationen von Gut und Übel verloren. Wir glauben, dass beispielsweise der Jobverlust das Schlimmste ist, was uns passieren könnte. Dass dennoch sauberes Wasser aus der Leitung kommt und ein stabiles Gesundheitssystem existiert, wird als unwichtige Nebensächlichkeit betrachtet. Aus meiner Sicht müssen wir wieder dankbarer für das sein, was wir haben.

 

Vielen Dank für das Gespräch und Ihnen gute Begegnungen auf der DOAG 2018 Logistik + IT.