Daniel Domscheit-Berg baute die WikiLeaks-Plattform mit auf und arbeitet heute an verschiedenen Projekten rund um Privatsphäre, Anonymität und Dezentralisierung der Internetinfrastruktur. Als Keynote-Speaker auf der DOAG 2016 Konferenz + Ausstellung gibt er einen Überblick über die Chancen und Risiken der digitalen Revolution. DOAG Online sprach vorab mit dem Internetaktivisten.
Herr Domscheit-Berg, warum sind Sie eigentlich nicht auf Twitter und Facebook vertreten?
Das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen habe ich auch schon früher kein Tagebuch geschrieben. Zum anderen kommt dazu, dass ich natürlich insgesamt auch eine gewisse Skepsis gegenüber diesen Tools habe, was die Privatsphäre betrifft. Und ich bin froh, wenn ich ein bisschen Abstand habe von dieser Echtzeit-Realität, in der alles immer sehr schnell laufen muss oder soll. Ruhe ist, denke ich, in der heutigen Zeit eines der Dinge, die man wirklich gut gebrauchen kann.
Andere Menschen dagegen geben im Internet wirklich alles über sich preis. Sind Datenschutz und Privatsphäre in der heutigen Zeit überholte Konzepte?
Wir müssen sicherlich darüber nachdenken, dass es eine andere Art von Öffentlichkeit gibt, als das vor zehn oder zwanzig Jahren noch der Fall war. Beim Thema Datenschutz sind wir gerade in keiner allzu glücklichen Situation. Wir erleben ja sehr oft, dass Unternehmen gehackt werden und sensible Daten in die falschen Hände gelangen. Das ist insofern problematisch, als dass viele Leute keine Vorstellung davon haben, dass man für einzelne Accounts unterschiedliche Passwörter verwenden sollte. Wenn dann so eine Datenbank mit Passwörtern verloren geht, die für alle möglichen anderen Dienste auch verwendet werden können, ist das ein riesiges Problem.
Auf der anderen Seite erleben wir ein anderes Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit. Ich würde das gar nicht so schwarz malen wollen, weil es auch ganz wichtig und positiv ist, dass sich immer mehr Menschen miteinander vernetzen und in sozialen Kontakt treten. Die Frage ist nur, wie man das zukünftig stärker dezentralisiert, als das im Moment der Fall ist. Denn den Unternehmen gibt es eine ganze Menge Macht über die Benutzer.
Von wem geht denn die größere Gefahr aus: Von Unternehmen oder staatlichen Einrichtungen?
Wir haben ein generelles Problem damit, dass datenverarbeitende Organisationen zunehmend außer Kontrolle geraten. Das gilt für Geheimdienste ebenso wie für privatwirtschaftliche Unternehmen. Es herrscht ein totales Unverhältnis, wenn man sich die Relationen von Google oder auch Facebook zu den klassischen großen Wirtschaftsunternehmen anschaut. Diese Unternehmen sind so mächtig geworden und haben so viel Wissen über andere und auch so viel Geld, dass dadurch eine gefährliche Dynamik entsteht.
Die Frage ist: Wann kommt der Punkt, an dem privatwirtschaftliche Unternehmen sich vollkommen der Kontrolle durch staatliche Organe entziehen? Diese Kontrolle ist ja zweifelsohne notwendig. Wie soll man sonst überhaupt noch den demokratischen Prozess sichern und verhindern, dass solche Unternehmen nicht in einem vollkommen luftleeren Raum agieren? Alles entwickelt sich gerade so extrem schnell – vielleicht haben wir diese Schwelle auch schon längst überschritten? Das gefährliche ist, dass wir als Gesellschaft viel zu langsam reagieren.
Wie kann man denn die Menschen für einen besseren Umgang mit ihren Daten sensibilisieren?
Viele Leute gehen heutzutage naiv mit ihren Daten um, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Das passiert, weil die Menschen nicht genug Informationen haben, um sich sicher in diesem Umfeld zu bewegen. Jemand hat mal eine Party bei Facebook angemeldet, zu der dann tausende von Leuten kamen. Das würde heute keiner mehr so machen. Aber diesen Erfahrungswert gab es damals innerhalb der Gesellschaft noch nicht.
Gerade auch für junge Leute brauchen wir eine viel bessere medienpädagogische Ausbildung. Dass Kinder heute nicht in der Schule lernen, was Anonymität, Pseudonymität und Identität sind, und welches dieser drei Konzepte für welchen Anwendungsfall das richtige ist, ist ein echtes Problem. Alle Schulfächer müssten eigentlich inhaltlich komplett neu überdacht werden. Stattdessen gibt es nur Informatikunterricht mit Excel und PowerPoint. Die wirklich relevanten Fragen werden aber gar nicht besprochen: Wie gehst du mit deinen Daten um? Was hat das für Konsequenzen? Und auch: wie funktionieren eigentlich all diese Maschinen, und wie bleibst du Herr über sie? Wir programmierst du sie, wie reparierst du sie, wie verbesserst du sie?
Welche Risiken, abseits vom Nutzer selbst, bringt die Digitalisierung noch mit sich?
Eine große Gefahr ist sicherlich die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung Einzug in die gesamte Gesellschaft hält. Der Kapitalismus ist da nicht ganz unschuldig: Wir leben in einer Zeit, in der der Markt verlangt, dass man so schnell wie möglich wachsen muss. Dadurch werden die Entwicklungszyklen so irrsinnig kurz, dass eigentlich kein sinnvolles Produkt mehr entstehen kann. Das fängt bei der Taschenlampen-App an, die Zugriff auf Funktionen oder Daten im Handy hat. Da müsste es dringend eine Regulierung geben, die verhindert, dass jemand überhaupt so ein schlechtes Produkt auf den Markt geben darf.
Wo liegen demgegenüber die Chancen der Digitalisierung?
In der Digitalisierung selbst, und in allem, was sie mit sich bringt. Zum Beispiel in dem Umstand, dass heute alle miteinander vernetzt sein können, und dass die Entfernung zwischen zwei Menschen, egal wo auf diesem Planeten, bei 500 Millisekunden liegt. Die Distanz von einem Menschen zum anderen ist so extrem klein geworden, dass wir alle Probleme dieser Welt miteinander lösen könnten. Dazu kommt, dass wir über eine gigantische Menge an Rechenleistung verfügen, die zur Problemlösung beitragen kann.
Wir erleben eine Zeit, in der Wissen an jedermanns Fingerspitzen ist. YouTube ist dafür ein gutes Beispiel: Egal, was Sie lernen möchten, auf YouTube finden Sie Menschen, die Ihnen alles erklären. Und das sogar auf unterschiedliche Art und Weise und wahrscheinlich in den meisten Sprachen dieser Welt. Sie können aber auch die Wikipedia-Einträge dazu lesen. Es gibt nichts, was jemand, der einen Zugang zum Internet hat, nicht leicht lernen kann. In meiner Jugend waren meine Optionen, etwas zu lernen, die Schule, die Gemeindebücherei oder die Landesbibliothek, wofür ich schon mit Bus in eine andere Stadt fahren musste. Mit dem Internet hat sich das komplett verändert: Ich kann, egal welches absurde Thema mich interessiert, beliebig viel Zeit investieren, und immer weiter in die Tiefe gehen.
Welche Herausforderungen kommen noch auf uns zu?
Wie die Einführung des Buchdrucks ist auch das Internet eine Kommunikationsrevolution. Das damalige Machtgefüge der Welt, bestehend aus der katholischen Kirche und ein paar Privilegierten, die lesen und schreiben konnten, wurde mit der Einführung des Buchdrucks zerrissen. Die Frage ist jetzt: Wie können wir sicherstellen, dass das Internet seine ebenso disruptive Natur behält? Wie stellen wir sicher, dass nicht die katholischen Kirchen unserer Zeit die Hand darauf halten können?


