Dr. Boris Nikolai Konrad: "Wir alle haben ein Superhirn!"

  • Erstellt von Christian Luda
  • KI, Konferenz, Konferenz + Ausstellung

Wir hatten die Gelegenheit, vorab mit dem Speaker der gemeinsamen Keynote der Anwenderkonferenz und der KI Navigator zu sprechen.

Boris, du bist mehrfacher Weltmeister im Gedächtnissport und hast mehrere Weltrekorde aufgestellt. Wie und wann hast du diese Disziplin für dich entdeckt? 

Das war kurz vor meinem Abitur. Ich hatte das Glück, zufällig auf Gedächtnistechniken zu stoßen. Es war sogar eine RTL-Fernsehshow. Ich habe mir ein Buch zu den Methoden bestellt, in der Hoffnung, dass es mir fürs Abi hilft – und war sofort fasziniert. Die Wirkung war enorm: Schon nach wenigen Tagen konnte ich mir Dinge merken, die mir zuvor unmöglich erschienen. Aus Interesse wurde Leidenschaft. Ich habe weitergelesen, trainiert, den Gedächtnissport entdeckt – und war bald auf internationalen Turnieren dabei. Die Techniken funktionierten nicht nur, sie haben mich begeistert. Das ist bis heute so geblieben. 

Du hattest zudem mehrere Auftritte in TV-Shows, u.a. dreimal bei “Wetten, dass..?”. Ist dir dabei ein Auftritt besonders in Erinnerung geblieben? 

Oh ja. Mein erster Auftritt bei “Wetten, dass..?” war natürlich besonders aufregend. Ich war gerade 19, noch nicht mal zwei Jahre im Gedächtnissport dabei. Ich hatte die Aufgabe, mir von 50 Personen die Restaurantbestellungen in vier Minuten zu merken – und zwar live vor einem Millionenpublikum. Der Druck war enorm. Aber es hat geklappt. Ich habe nicht nur die Wette gewonnen, sondern auch erlebt, wie stark das Interesse der Menschen an dem Thema war – weltweit: Mit der gleichen Aufgabe durfte ich dann ein Jahr danach sogar in China im Fernsehen auftreten. Da hat es dann nicht geklappt, auch weil Weißwein, Bier und Wasser für mich optisch kaum zu unterscheiden waren. Auch das war eine wichtige Erfahrung, die ich nie vergesse und von der ich viel gelernt habe, was Auftritte angeht. 

Welche Techniken verwendest du dabei? Kannst du dies vielleicht an einem Beispiel aufzeigen? 

Es geht immer darum, Inhalte in Bilder, Geschichten und Emotionen umzuwandeln. Damit kann unser Gehirn einfach viel mehr anfangen. Die wichtigste konkrete Methode ist die sogenannte Loci-Methode, auch Gedächtnispalast genannt. Dabei speichert man Informationen nicht einfach irgendwo im Kopf, sondern an einem vertrauten Ort – etwa der eigenen Wohnung. Wenn ich mir etwa eine Liste von Begriffen merken will, stelle ich mir vor, wie ich diese Begriffe als Bilder in meinem Haus verteile: Das erste Wort verbinde ich mit der Haustür, das zweite mit der Garderobe usw. Beim Abrufen gehe ich diesen Weg einfach wieder ab – bildlich im Kopf. Das funktioniert fantastisch – selbst für Hunderte Inhalte. Wichtig ist: Diese Wege sollte man vorbereitet haben, mit einer klaren, immer gleichen Reihenfolge von Wegpunkten. Beim Anwenden denke ich da nicht mehr drüber nach, dann benutze ich die einfach als mentales Tool. 

Welchen Anteil an deinen Gedächtnisleistungen haben diese Techniken und wie viel ist angeborenes Talent? 

Ich sage immer: Ich bin nicht als “Superhirn” geboren worden – oder umgedreht: Wir alle haben ein Superhirn! Die Techniken machen den Unterschied. Klar, ein gewisses Interesse und Motivation helfen. Aber die besten Gedächtnissportler der Welt – mich eingeschlossen – haben alle irgendwann angefangen und sich systematisch verbessert. Niemand kann das einfach so. Gedächtnis ist trainierbar. Und das ist die eigentliche Botschaft: Jeder kann sein Gedächtnis verbessern – nicht durch Zauberei, sondern durch Methode und Übung. 

Welche Rolle spielen Emotionen wie die Leidenschaft für einen Fachbereich bei der Fähigkeit, sich Dinge zu merken? 

Eine große! Emotionen sind sehr zentral fürs Gedächtnis, weil es sich dafür entwickelt hat: Aus emotionalen Erfahrungen lernen, wie wir uns in der Zukunft verhalten. Das war immer wichtig. Dagegen ist selbst Schrift evolutionär gesehen was Neues. Was uns bewegt, merken wir uns besser. Deshalb fällt es vielen leichter, sich an Details eines spannenden Films zu erinnern als an trockene Zahlenkolonnen. Wenn wir für ein Thema brennen, ist das keine Garantie, aber ein großer Vorteil. Und auch das lässt sich nutzen: In meinen Vorträgen sorge ich oft gezielt für kleine Erfolgserlebnisse – das motiviert und öffnet das Gehirn. Aber: Wenn mich ein Thema nicht so begeistert, kann ich über Gedächtnistechniken trotzdem für Emotion sorgen und es mir so merken, wenn ich will oder muss. 

Wie ist es bei dir? In welchen Bereichen fällt dir das Merken besonders leicht und wo fällt es dir schwerer? 

Zahlen, Namen, Fakten – also das, was viele schwierig finden – fällt mir leicht, weil ich genau weiß, wie ich es mir einpräge und Methoden dafür habe. Was mir manchmal schwerfällt, sind die ganz alltäglichen Dinge – etwa, auf dem Heimweg noch die Post einzuwerfen. Das ist ein anderes System im Gehirn, ein sogenanntes prospektives Gedächtnis. Auch da gibt’s Tricks – aber die helfen weniger gut als beim Lernen an sich. Perfekt bin ich da auch nicht. Ich nutze meine Techniken gezielt, aber nicht ständig. 

Abseits von Wettbewerben: Wie helfen dir deine Gedächtnisfähigkeiten in deinem Berufsalltag? 

Erstens haben Sie mir in Studium und Promotion sehr geholfen überhaupt da hinzukommen, wo ich jetzt bin. Aber auch heute setze ich sie nahezu täglich beruflich ein. Ich halte viele Vorträge, gebe Workshops, kriege Fragen – oft spontan. Da hilft es, auf einen großen Wissensspeicher zugreifen zu können. Namen merke ich mir immer mit Methode und, wenn mich etwa jemand nach einem Vortrag anspricht und um Zusendung von Informationen bittet, problemlos auch E-Mail-Adresse oder Telefonnummer. Auch beim Lesen wissenschaftlicher Studien oder dem Schreiben von Büchern merke ich, wie viel einfacher es ist, wenn man Informationen langfristig im Kopf hat und miteinander verknüpfen kann. Und: Ein gutes Gedächtnis schafft Selbstvertrauen. 

Welchen Wert hat es in Zeiten von Digitalisierung und KI noch, über viel Wissen zu verfügen, sei es viel Wissen in einem Fachbereich oder ein hohes Allgemeinwissen? 

Meiner Meinung nach einen hohen Wert. Die Frage deckt auch eine große Gefahr auf: Dass viele fälschlicherweise denken, “auswendig Gelerntes” sei ja nicht mehr nötig. Das hat einen wahren Kern, aber übersieht etwas Zentrales: Um Informationen zu bewerten, zu verstehen und in neue Zusammenhänge zu bringen, brauchen wir ein eigenes Wissensnetz im Kopf. Nur wer selbst denkt, kann KI sinnvoll nutzen. Außerdem ist unser Gedächtnis nicht nur ein Speicher – es ist die Grundlage für Kreativität, Entscheidungen, Empathie. Wenn Menschen in hohem Alter ihr Gedächtnis verlieren, wogegen Gedächtnistraining und sein Gedächtnis zu benutzen übrigens einen gewissen Schutz bieten kann, geht das sehr tief: Die Menschen haben keine Angst, Fakten oder Daten zu vergessen, sondern Ihre Persönlichkeit zu verlieren. 

Kannst du einen kleinen Ausblick auf deine Keynote geben: Worauf können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer freuen? 

Auf einen inspirierenden, unterhaltsamen und interaktiven Vortrag rund um das Thema “Gedächtnis, Lernen und Zukunftskompetenz”. Ich zeige nicht nur, wie unser Gehirn funktioniert, sondern lasse das Publikum gleich mitmachen. Mein Ziel: Jeder soll am Ende nicht nur etwas gelernt haben – sondern erlebt haben, dass Lernen Spaß macht und möglich ist. Ganz gleich, wie komplex die Welt wird – wir alle können lernen, besser zu denken.

Vielen Dank für das Gespräch, Boris.