"Ich fühle mich manchmal wie eine unsichere Hochstaplerin und Betrügerin"

  • Erstellt von Christian Luda
  • Konferenz + Ausstellung, Gesellschaft

Dr. Melissa Sassi widmet sich in ihrer Keynote auf der DOAG Konferenz + Ausstellung dem Imposter-Syndrom, einem weitverbreiteten psychologischen Phänomen. Vorab stand uns die US-Amerikanerin zum Interview zur Verfügung.

Dr. Sassi, was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Imposter-Syndrom?

Man sagt, dass das Imposter-Syndrom 70 % der Menschen irgendwann in ihrem Leben betrifft, also die meisten von uns. Es wurde erstmals in den siebziger Jahren beschrieben und beschreibt das Gefühl, das viele von uns haben, wenn wir uns im Raum umsehen und denken, dass alle anderen schlauer, fähiger und erfahrener sind als wir. Dass wir in unserer Karriere nur so weit gekommen sind, weil wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, Glück hatten oder die richtigen Leute kannten – Dinge, auf die wir selbst keinen Einfluss hatten.

Es ist diese ständige negative Stimme in unserem Kopf, die uns sagt, dass wir nicht dazugehören, die dazu führen kann, dass Menschen sich selbst zerstören oder Karrierechancen verpassen. Es gibt eine starke Korrelation zwischen Perfektionismus und dem Imposter-Syndrom. Wir streben danach, perfekt zu sein, und das erzeugt ein ständiges Auf und Ab von Enttäuschung und Bedauern. Es gibt uns das Gefühl, nicht gut genug zu sein – ein irrationales Gefühl der Sorge, das aus dem Nichts entsteht.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch Ihr Leben und fühlen sich machtlos gegenüber der Stimme in Ihrem Kopf, die Ihnen sagt, dass Sie ein Hochstapler sind, ein Betrüger, und dass man das bald herausfinden wird. Interessant ist, dass viele Betroffene wissen, dass diese Stimme irrational ist, aber es fällt ihnen schwer, sie abzustellen. Viele leiden im Stillen.

Auch ich fühle mich manchmal wie eine unsichere Hochstaplerin und Betrügerin. Aber ich weiß, wie ich diese Stimme zum Schweigen bringe und sie als etwas Äußeres von mir erkenne. Sie ist irrational, ergibt keinen Sinn und sie ist nicht stark genug für meine Fähigkeiten, die ich entwickelt habe, um ihr ständiges Geschwafel zu bekämpfen.

Mir geht es darum, diese Fähigkeiten weiterzugeben, damit die beiden Teufel auf unseren Schultern, die uns sagen, dass wir auf der einen Seite erstaunlich und auf der anderen Seite furchtbar sind, in den Griff zu bekommen sind. Nehmen Sie an meiner Session teil und erfahren Sie, wie Sie diese lästigen Teufel ein für alle Mal zum Schweigen bringen können!

Es gibt Studien, die nahelegen, dass das Syndrom besonders häufig in hohen Positionen auftritt. Warum ist das so?

Menschen in Führungspositionen, in der C-Suite und in anderen Machtpositionen sind oft leistungsorientiert und müssen sich beweisen. Ich zum Beispiel konkurriere nicht mit anderen. Ich konkurriere nur mit mir selbst. Ich habe gelernt, netter zu mir selbst zu sein, an die Macht des positiven Denkens zu glauben. Ich habe erkannt, dass meine Gedanken zu meinen Worten werden, und das führt zu meinem Schicksal. Es beginnt alles in meinem Kopf. Wenn ich den Lärm stoppen kann, ist mein Weg an die Spitze viel angenehmer, und das macht mich zu einer besseren Mutter, Führungskraft und Mentorin.

Wir dürfen das Imposter-Syndrom nicht mit einem Tyrannen oder einem toxischen Umfeld verwechseln und müssen den Unterschied zwischen bösen Menschen und unserer irrationalen Stimme erkennen. Hin und wieder verwechseln die Menschen beides und verinnerlichen die Dinge mehr, als sie sollten. Manchmal ist es so, dass die Person, die einem gegenübersitzt, ein Idiot ist und versucht, einem das Gefühl zu geben, dass man weniger wert ist als sie, weil sie selbst unsicher ist. Es hat lange gedauert, bis ich in der Lage war, solche Situationen zu erkennen. Ich hätte anfangs mehr für mich selbst eintreten und mich mehr durchsetzen müssen und das hat mir in manchen Situationen wahrscheinlich geschadet. Davon abgesehen haben wir alle unseren eigenen Lebensweg. Ich kann mein Kapitel 5 nicht mit dem Kapitel 25 von jemand anderem vergleichen.

Sie sind Gründerin und CEO einer Organisation namens MentorNations. Was machen Sie mit MentorNations und wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Wir haben Zehntausenden von Jugendlichen in zwölf Ländern das Programmieren beigebracht und sind für drei Preise der UN nominiert worden. Das ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt. Ich sage immer, ich habe meinen schlimmsten Albtraum in meine Superkraft verwandelt [Anm. d. Red.: In diesem Interview spricht Dr. Melissa Sassi im Detail über das traumatische Ereignis, das sie zur Gründung von MentorNations inspirierte: learn.microsoft.com/en-us/shows/source-code-real-stories-from-startup-founders/melissa-sassi-from-code-the-curve].

Welche weiteren Projekte haben Sie gerade am Laufen?

Ich bin gerade dabei, ein noch geheimes Programm zu starten, das es Jugendlichen auf der ganzen Welt ermöglicht, digitale Fähigkeiten und Unternehmergeist zu entwickeln, und zwar auf eine radikal neue Art und Weise, die Marken und Studenten zusammenbringt. Mehr dazu nach dem offiziellen Start! Wir verhandeln gerade mit einigen großen Marken und planen, dies bald bekanntzugeben.

Und für mich ist gerade einer meiner großen Lebensträume in Erfüllung gegangen – ich habe in dem kleinen Inselstaat Kap Verde, an der Westküste Afrikas, einen nationalen Tag der digitalen Kreativität ins Leben gerufen. Er wurde vom Premierminister, dem Staatssekretär, dem Ministerium für digitale Wirtschaft und dem Bildungsministerium befürwortet. 100.000 Schüler und 6.000 Lehrkräfte. Ich freue mich darauf, dieses Programm überall auf der Welt einzuführen.

Außerdem führe ich Innovations- und Tech-Startup-Scouting mit großen Unternehmen durch. Ein Projekt ist Fintech Fast Pass, ein von IBM gesponsertes Programm, das 200 der weltweit führenden Banken und 40 innovative Fintechs zusammenbringt. Zudem bin ich Judge bei „AI for Good - Climate in Dubai“ während der UN-Klimakonferenz und bei einem weiteren klimabezogenen Fintech-Wettbewerb am 5. Dezember in Dubai. Auch darauf freue ich mich sehr!

Während Ihrer Zeit bei IBM hatten Sie den Titel "Chief Penguin" inne. Was genau ist ein Chief Penguin?

Mein Gedanke war: Wer will schon eine langweilige Berufsbezeichnung, und wie viel Spaß macht es, sich einen verrückten Tiertitel auszudenken. Das klappte besonders gut, wenn mich einige der konservativeren Führungskräfte bei einer Veranstaltung oder einem Panel vorstellen mussten. Wer kann sich schon ein Lächeln verkneifen, wenn sich das Gegenüber "Chef aller Pinguine" nennt und ein Hemd trägt, auf dem "Chief Penguin" steht, vor allem, wenn die andere Person bequeme Schuhe und ein gebügeltes Hemd trägt. Das war ein toller Eisbrecher.

OK, jetzt der andere Grund: ich unterstützte einige IBM-Datenschutzprodukte, die auf IBMs LinuxONE-Maschinen liefen, das sind Mainframes, die Open-Source-Technologie nutzen. Open Source...Linux...Pinguin...Chief. Es hat viel Spaß gemacht, und ich glaube, auch andere IBMler haben es genossen. Ich habe den Namen im IBM-Verzeichnis geändert, so dass niemand wusste, wie meine eigentliche Berufsbezeichnung lautete. Ich fand heraus, dass ich sie in einigen meiner Personalakten ändern konnte. Ich weiß nicht einmal mehr, wie mein richtiger Titel lautete…

Worauf freuen Sie sich bei der DOAG Konferenz + Ausstellung besonders?

Ich freue mich darauf, meine Fähigkeiten weiterzugeben, neue Leute zu treffen und nach einem Jahr wieder nach Deutschland zu kommen. Ich kenne auch eine wunderbare Frau, die in Nürnberg lebt, aber wir haben uns bisher noch nicht persönlich getroffen. Ich glaube, sie wird versuchen, an der Konferenz teilzunehmen. Sie interessiert sich sehr für Open Source. Und dann muss ich an dieser Stelle noch sagen, dass ich mich sehr darauf freue, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und Glühwein zu trinken.

Dr. Sassi, vielen Dank für das Gespräch.

Die DOAG 2023 Konferenz + Ausstellung findet vom 21. bis 24. November in Nürnberg statt. Die Keynote von Dr. Melissa Sassi erwartet Sie am 21. November um 17 Uhr.