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Dozent, Psychologe, Coach und Betriebswirt: Julian Christopher Kübler.
  • Von: Marcos López
  • Konferenz + Ausstellung
  • 14.08.2019

Interview: „Kein Unternehmen kann die Aspekte einer gesunden Unternehmenskultur außer Acht lassen.“

Julian Christopher Kübler ist Referent auf der DOAG 2019 Konferenz + Ausstellung. Wir haben mit dem Coach über lebenswerte Arbeitswelten gesprochen. 

Herr Kübler, wäre eine lebenswerte Arbeitswelt nicht auch mit folgendem Dreisatz zu erreichen: Mehr Geld, mehr Urlaub, mehr Freizeit?

Nur scheinbar. Ihr angeführter Dreisatz beschreibt extrinsische Motivatoren, also solche, die nicht die Arbeit selbst sinnvoll und lebenswert erscheinen lassen, sondern bloß was dadurch möglich wird. Genau besehen ist dieser Dreisatz kontraproduktiv, wenn nicht sogar pathogen. Zu welchen Kapriolen bis hin zum Desaster so etwas führen kann, haben wir an der Bankenkrise gesehen. Karl Reinhard Sprenger beschreibt die negative Wirkung Ihres Dreisatzes seit mehr als 20 Jahren in seinem immer wieder neu aufgelegten Buch „Mythos Motivation“ differenziert und ausführlich.

Gibt es D-A-S Geheimrezept für lebenswerte Arbeitswelten?

Zwei wissenschaftliche Erkenntnisse haben für lebenswerte Arbeitswelten Leitsatzcharakter. Erkenntnis Eins: Es gibt eine Handvoll psychischer Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel Sicherheit, Vertrauen, Selbstwirksamkeit, Wertschätzung und Anerkennung, deren ausreichende Befriedigung wir brauchen, um gut aufgestellt zu sein. Wir haben sie passend auf die Arbeitswelten transferiert. Interessanterweise ist „gesund zu sein“ kein primäres psychisches Grundbedürfnis. Das erklärt vielleicht auch, warum mit „Gesundheitsversprechen“ bestimmte Verhaltensweisen nicht besonders gut zu motivieren sind. Werden diese psychischen Grundbedürfnisse beschnitten und verletzt anstatt geachtet und gewürdigt, ist der Nährboden geschaffen für Demotivation, Leistungsknick, psychische und psychosomatische Erkrankungen. Davon zeugen die seit Jahren steigenden Zahlen psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeitstage.

Erkenntnis Zwei: Das Gefühl der Stimmigkeit ist entscheidend für das allgemeine Wohlbefinden des Menschen, das heißt seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Für die Arbeitswelten bedeutet das: Je sinnvoller Arbeit vom Menschen subjektiv erlebt wird, umso mehr psychische Energie steht ihm zur Verfügung ­­­– auch um größere Herausforderungen gesund zu meistern. Was nicht funktioniert ist, diese „Rezept-Zutaten“ mittels Management-Tools zu implementieren. Es geht darum, gemeinsam die Bedingungen zu schaffen, die eine „gelebte Kultur“ dieser Leitsätze ermöglicht.

Wie sieht eine optimale Arbeitsumgebung aus bzw. welche Standards müssen beachtet werden, um das Prädikat „lebenswerte Arbeitswelt“ zu bekommen?

Das Siegel „Lebenswerte Arbeitswelt!“, wie es das „Institut für Erwerbscoaching“ von Dr. med. Poersch verleiht, setzt voraus, dass ein Unternehmen es in „spielender Form“ schafft, drei Aufgaben „komplex-gemeinsam“ zu lösen. Der dabei gegangene Weg bereitet allen Beteiligten Freude und ist Sinn gebend. Zur Objektivierung wird ein Fragebogen eingesetzt und es erfolgt ein Audit. Entscheidend für die Siegelvergabe ist, ob der Prozess, das Siegel zu erhalten, bereits für einen erkennbaren Mehrwert an „lebenswert erlebter Arbeitswelt“ gesorgt hat.

Kann man so für alle Unternehmensgrößen verfahren? Die Arbeitswelt eines Programmierers sieht sicherlich anders aus, als die eines Busfahrers oder Fabrikarbeiters…

Die Arbeitsanforderungen an Menschen sind natürlich unterschiedlich und die Arbeitswelten haben eine große Vielfalt – aber psychische Grundbedürfnisse und Stimmigkeitserleben sind relativ gleich. Selbstverständlich unterscheiden sich individuell auch Sinn- und Befriedigungserleben. Aber für alle Unternehmen und Branchen gilt es gleichermaßen, Bedingungen am Arbeitsplatz zu schaffen, die es ermöglichen, die eigene Arbeitswelt als sinnvoll zu erleben. Der größte Unterschied dürfte darin liegen, wie diese Bedingungen in den jeweiligen Unternehmen realisiert werden. Aber was die Bedingungen ermöglichen sollen, ist nahezu überall gleich. Kein Unternehmen kann es sich leisten, die Aspekte der organisationalen Resilienz [Anm. d. Red.: Die Fähigkeit einer Organisation, auf Veränderungen zu reagieren und sich anzupassen, auf dass die Ziele erreicht werden und eine positive Entwicklung in Gang kommt] und einer gesunden Unternehmenskultur außer Acht zu lassen.

Wenn das Sinnerlebnis in der geleisteten Arbeit der Schlüssel für glückliche Mitarbeiter und ein erfolgreiches Unternehmen ist, wie realisiert man das?

Indem nicht versucht wird, Sinn zu vermitteln, sondern indem Bedingungen der Möglichkeit geschaffen werden, Sinn selbst zu finden und zu erleben. Von elementarer Bedeutung ist, die psychischen Grundbedürfnisse der Mitarbeiter/innen ausreichend zu würdigen. Welche dieser Bedürfnisse in welchem Arbeitskontext im Vordergrund stehen und wie eine ausreichende Befriedigung gewährt werden kann, ist individuell unterschiedlich und stellt entsprechende Anforderung an „gesundes Führen“ und „kollegiale Kommunikation“. Hier dürfte Nachholbedarf bestehen, aber weniger in Form eines Verhaltenstrainings, wie sooft üblich, sondern mehr auf der Ebene persönlicher Einstellung.

Wo fängt ein Unternehmen an, wenn es bisher nichts vom magischen Dreisatz „Motivation, Kommunikation, Partizipation“ gehört hat?

Wenn das so ist, müsste ein Unternehmen so wenig organisationale Resilienz besitzen, dass es eigentlich nicht mehr existieren dürfte. Auf irgendeine Weise werden diese drei Faktoren in jedem Unternehmen gemanagt. Nützlich ist, sich dieser Faktoren bewusst zu werden, das heißt herauszufinden, wie sie konkret im jeweiligen Unternehmen ausgeprägt sind und wo Optimierungsbedarf besteht. Dafür gibt es unzählige bewährte Tools. Wir gehen von Anfang an einen partizipativen Weg, der sich an den Methoden „action research“ und „grounding theory“ orientiert. Zum Einsatz kommen zum Beispiel teilnehmende Beobachtung, repräsentative Interviews und kurze Online-Fragebögen, welche ausschließlich handlungsrelevante Informationen generieren. Dadurch kommt bereits eine Dynamik in Gang, die im Weiteren auf dem Hintergrund sich selbst organisierender Entwicklungsprozesse begleitet werden kann.

Welche Mehrausgaben muss ein Unternehmen tätigen, um seine Arbeitswelt lebenswerter zu gestalten?

Es geht um ein Investment, dessen Größe vergleichbar klein ist. Jedoch hängen die Ausgaben sehr stark von Ausgangslage und selbst gesetzten Zielen des jeweiligen Unternehmens ab. Im Vordergrund steht das Engagement von „Intrapreneuren“ des Unternehmens, das sind Mitarbeiter, die sich innerhalb des Unternehmens in der Entwicklung lebenswerter Arbeitswelten durch eigenverantwortliches Handeln und Mitdenken als Binnen-Unternehmer verhalten. Sie können auf Bedarf und prozessabgestimmt externe Begleitung und Tools abrufen. Die Benefits sind unter anderem „Leistung & Gesundheit“, „Motivation & Commitment“, „gutes Employer-Branding“ und dadurch natürlich nachhaltige Mitarbeiterbindung. Der Benefit kann sich bereits „ab dem 1. Tag“ einstellen, da motiviertes Engagement Gesundheit, Leistung und Commitment fördern.

Welches Erlebnis hat sie im Laufe Ihres Berufslebens besonders geprägt?

Die Begegnung mit Dr. med. Poersch (Neurologe, Psychiater, Coach und Berater mit Schwerpunkt betriebliches Gesundheitsmanagement, kurz BGM) war wichtig. Er hatte es zu Beginn dieses Jahrtausends nicht mehr eingesehen, gestresste und psychisch erkrankte Erwerbstätige ohne Berücksichtigung stressogener Arbeitsverhältnisse zu behandeln. In mehr als 5.000 Gesprächen ging er der Frage nach, wie Menschen gerne arbeiten würden. Daraus ist das Konzept „Gemeinsam für lebenswerte Arbeitswelten!“ entstanden. Die an seine Vorträge anschließenden Gespräche waren bei mir die Neu-Zündung und führten zu dem Entschluss, dass wir uns in Kooperationsform gemeinsam für „Lebenswerte Arbeitswelten“ zukünftig engagieren. Für mich verwirklicht sich damit ein zentrales Motiv: Bedingungen mitzugestalten, so dass sich bio-psycho-soziale Systeme gesundheitsfördernd entwickeln können und dabei Herausforderungen nicht nur zu meistern, sondern daran zu wachsen – zum gleichen Wohle der Systemmitglieder, des Systems und der Systemumwelt.

Erleben Sie Julian Christopher Kübler, lic.phil. auf der DOAG 2019 Konferenz + Ausstellung mit seinem Vortrag „Motivation, Kommunikation, Partizipation: Der Benefit lebenswerter Arbeitswelten“ am 19. November 2019 von 11:00-11:45 Uhr im Saal Kiew.