Interview mit dem neuen DOAG Vorstand Gruppen Ralf Richter

  • Erstellt von Christian Luda
  • Gruppen, Community

Im vergangenen Dezember hat Ralf Richter die Nachfolge von Frank Prechtel als DOAG Vorstand Gruppen angetreten – Anlass für ein Interview mit dem Cloud Solution Architect und Microsoft MVP.

Ralf, kannst du dich noch erinnern, wann und wie du deine Leidenschaft für die IT entdeckt hast? 

Da war ich neun und habe tatsächlich das erste Mal auf einem Schneider-Amstrad CPC 464 mit grünem Monitor und Datasette einen Code geschrieben. Mein Dad hat zu der Zeit Informatik studiert und deswegen hatten wir sehr früh so eine Kiste. Da habe ich das erste Mal damit gearbeitet und auch eine ziemliche Passion dafür entwickelt.

War dir damals bereits klar, dass du das zum Beruf machen möchtest?

Der Bezug war da und ich wollte das auch möglichst umsetzen. Zu der Zeit war es allerdings so, dass du, wenn du Informatiker werden wolltest, wie angehende Ärzte ungefähr einen Abiturdurchschnitt von 1,1 oder 1,2 brauchtest. Um derart stringent die Schulbank zu drücken und die Leistung zu bringen, stand ich mir selbst ein bisschen im Weg als Teenager. 
Deswegen habe ich ziemlich viele Umwege genommen. So kam es, dass ich zuerst eine Ausbildung zum Büroinformationselektroniker gemacht habe. Das ist die Nachfolgeausbildung des Büromaschinenmechanikers – also derjenige, der damals Schreibmaschinen reparierte, die noch sehr mechanisch waren. Zu der Zeit kamen gerade die ersten elektronischen Schreibmaschinen auf den Markt. Eine häufige Tätigkeit bestand darin, zur Chefsekretärin zu fahren und die Tastaturfolie zu wechseln. Die waren nämlich gewohnt, mit ihren Händen auf diesen mechanischen Maschinen zu tippen und hatten einen sagenhaften Fingeranschlag. Die haben quasi diese Tastaturfolien ausgestanzt und damit hattest du dann einfach zu tun. 
Ich bin also bei der Entwicklung der EDV – damals hieß es ja noch nicht IT – sehr früh eingestiegen, habe dann aber sehr lange gebraucht, um meinen Weg zu finden zu dem, was ich heute bin. Vorher habe ich eine Ausbildung zum Restaurantfachmann gemacht und unter anderem auf dem Bau gearbeitet. Das war halt die Zeit, die wirtschaftlich schwierig und herausfordernd war. Gleichzeitig waren die Bildungsmöglichkeiten und die Vielfalt in den Jobangeboten nicht so gegeben, wie das heute der Fall ist. Durch eine Umschulungsmaßnahme wurde ich dann zum Fachinformatiker.

Heute bist du Director Consulting und Cloud-Experte bei CGI. Wann war der Zeitpunkt, wo du wusstest, das ist der Bereich, in dem du arbeiten möchtest? 

Das kann ich ziemlich genau sagen. Ich habe sehr früh, 2003, ein Projekt in der Cloud realisiert, als es allerdings noch gar nicht „Cloud“ hieß. Damals konnte man sich virtuelle Maschinen mieten und ich habe für einen Kunden ein Projekt umgesetzt, bei dem mehrere Standorte in die Lage versetzt wurden, die Kassensysteme zu synchronisieren, um an unterschiedlichen Standorten mit denselben Datensätzen arbeiten zu können. Dabei ging es um Kletteranlagen, die gerne ihre Jahres- oder Dauerkarten miteinander teilen wollten, sodass ein Kletterer aus Bad Tölz mit seiner Karte genauso gut in München die Kletteranlage besuchen konnte. 
Das war das erste Mal, dass ich quasi ein Cloud-Projekt umgesetzt habe. Sehr spannend. Von da an war das ein Thema für mich und ich habe das dann auch stringent verfolgt: Das Auftauchen der ersten Hyperscaler Clouds, wie sie heute heißen, also AWS und Azure. 
Das war aber noch nicht super spannend, weil das anfangs sehr teure virtuelle Maschinen waren, die man da mieten konnte. Aber mit der Öffnung von Microsoft Richtung Open Source und den zahlreichen Angeboten, die dann in der Cloud entstanden sind, mit meiner Vorliebe für das Internet of Things, hat es mich dann sukzessive weiter in diese Richtung gebracht. Das war ein echt spannender Weg.

Du warst dann als Cloud-Experte u.a. im Bereich Medizin tätig… 

Ja, im Medizinbereich gibt es tolle Systeme, die deutlich fortschrittlicher sind, als wir annehmen. Die reden nämlich schon miteinander. Zum Beispiel gibt es Operationssäle, wo die ganzen Systeme zueinander geschaltet sind und sich dort die Daten teilen, sodass die Ärzte dadurch einen viel besseren Überblick haben. Das sind Anwendungen wie Telemedizin, die ursprünglich für das Militär entwickelt wurden, aber heute schon ganz viel Einfluss auf unsere Medizin nehmen. Ärzte können damit von der Ferne auf die Systeme schauen und unterstützende Diagnosen stellen. Als ich eingestiegen bin, habe ich auch sehr viele spannende Erfahrungen im Automobilbereich gemacht. Außerdem habe ich viel Automatisierung gemacht, aber auch Systeme virtualisiert, bevor Citrix auf die Idee gekommen ist, dass man auch Applikationen virtualisieren und diese dann so anbieten kann. Das waren tolle Erfahrungen, die ich da sammeln konnte.

Du bist Microsoft MVP. Was verbirgt sich dahinter und wie wichtig ist es in der Branche, so einen Titel zu tragen? 

MVP steht für Most Valuable Professional. Das ist eine Auszeichnung, die von Microsoft an Experten verliehen wird, die in der Community eine Leadership gezeigt haben, also Communities gegründet haben. Die diese antreiben und regelmäßig ihre Expertise zur Verfügung stellen, indem sie an Meetups teilnehmen und Workshops oder auch einfach als Experten Talks auf Konferenzen geben. 
Was die Bedeutung in unserer Branche angeht: Das lässt sich vergleichen mit einem Golden Globe oder einem Oscar. Der wiegt tatsächlich schon schwer, bringt aber auch eine Menge Verantwortung mit sich. Man wird mit diesem Titel oft als das globale Lexikon betrachtet, das alles über das Microsoft-Ökosystem weiß – und das ist nicht so. 
Ich bin zum Beispiel spezialisiert auf das Ökosystem Microsoft Azure Cloud und auf Artificial Intelligence von Microsoft. Und das macht es spannend und herausfordernd. Du siehst ja, wie schnell sich Technologie entwickelt und du musst immer am Ball bleiben. Das ist meine intrinsische Motivation. Gleichzeitig hast du die Communities am Start, um die du dich kümmerst. Das ist also schon eine Aufgabe. 
Als ich den Titel bekommen habe, wusste ich noch nicht mal so richtig, was das ist, dieser MVP. Ich wurde vorgeschlagen und habe mich darüber sehr gefreut. Dann habe ich mich damit auseinandergesetzt und gedacht, naja, gucken wir mal, ob das hinhaut. Mittlerweile habe ich den Titel fünf Jahre in Folge erhalten.

Du hast deine Community Leadership erwähnt. Du bist Gründer und Organisator vom Azure Dev Meetup München. Wie kam es dazu und was macht dir besonders Spaß an dieser Community-Arbeit? 

Wir hatten damals in München bereits ein Azure Meetup, da war aber nichts mehr los. Da passierte nicht mehr viel und wenn da was passiert ist, dann war das so eine High-Level-Veranstaltung mit viel Marketingzeug. Das fand ich nicht besonders erhellend und habe mich dann jedes Mal gegrämt nach vielen Versuchen, da irgendwie mitwirken zu können, um das zu ändern. Ich habe dabei viel Ablehnung erfahren und mir dann gedacht, na gut, dann machst du es halt selbst. 
Ich habe das Ding dann gestartet und ab Sekunde Eins hat das gefruchtet. Es macht riesig viel Spaß, mit diesen Professionals zusammenzukommen, sich auszutauschen und ein Netzwerk aufzubauen. Beim Diskutieren der Themen versteht man, dass die Challenges in den einzelnen Branchen eigentlich gar nicht so verschieden sind, sondern dass man sehr gut darüber sprechen kann, ohne gleich einen NDA-Verstoß zu riskieren. 
Das macht einfach Spaß und auch die Offenheit innerhalb der Tech-Communities ist einfach riesig – mit allen ihren Ups and Downs: Du hast bei Meetups auch einfach diejenigen, die regelmäßig kommen, weil es da Pizza und Getränke gibt, aber gleichzeitig sind immer wieder ganz tolle Leute dabei, die du dann bei ihrer Weiterentwicklung begleiten kannst. 
Es entstehen Kontakte, die wieder zu tollen Projekten führen. Präsent zu sein und über Technologie zu sprechen, fördert und fordert dich ja selbst – du musst dich auf den Talk vorbereiten, diesen nochmal durchdringen und du solltest mehr Wissen mitbringen, als du auf den Slides hast, damit du auch in der Tiefe darüber sprechen kannst. So profitiert man auch sehr viel davon und das macht einfach irre viel Spaß. Ich habe im Grunde das Vergnügen und das Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe und für das, was ich mag, bezahlt werde.

Apropos Hobby: Hast du noch andere Leidenschaften, für die du abseits der hauptberuflichen und der Community-Arbeit Zeit findest? 

Ja, Ausgleich ist super wichtig. Mein Arbeitsalltag ist getaktet und stressig. Ich arbeite regelmäßig mehr als 40 Stunden, weil das der Job erfordert. Und das mache ich auch gern. Zum Ausgleich habe ich Verschiedenes. Die Unterwasserwelt spielt eine wichtige Rolle für mich: Seit über 20 Jahren bin ich Taucher und betreibe das regelmäßig. Im Urlaub gehe ich tauchen und auch wenn ich Freizeit habe und hier in die See hüpfen kann. Das ist einfach eine super tolle Welt. 
Du hast zwar einen Computer dabei, der dich berät, wie du jetzt am besten mit deinem Tauchgang umgehst, und dir verrät, wieviel Sättigung du hast, aber der macht keine Geräusche. Er empfängt keine Nachrichten. Du musst auf nichts reagieren, außer auf potenzielle Risiken. Ansonsten ist es still, du bist ganz bei dir und das gibt dir ganz viel Raum für dich selbst. Das ist extrem erholsam. Außerdem bin ich gern am Wandern oder fahre auch gern mal eine längere Strecke Rad. Das sind so die Themen, mit denen ich mir meinen Ausgleich gebe.

Seit Ende letzten Jahres bist du neuer DOAG Vorstand Gruppen. Wie bist du erstmals auf die DOAG aufmerksam geworden? 

Es war tatsächlich so, dass David König aus der Cloud Native Community mich angesprochen hat. Er hat mir von der CloudLand-Veranstaltung erzählt. Da bin ich dann neugierig geworden und habe gedacht, Mensch, da könnte ich ja eigentlich auch mal einen Vortrag machen. 
Ich bin also auf die CloudLand gegangen und habe den ganzen Spirit dort erlebt. Dort bin ich dann auf den André Sept gestoßen und wir sind ins Gespräch gekommen. Ich fand das Konzept halt einfach toll, habe das aber noch nicht richtig mit der DOAG in Verbindung gebracht, auch wenn ich beim Einreichen meines Talks gemerkt habe, dass das Event mit der DOAG in Verbindung steht. Das war für mich aber eine „Oracle-Bude“, ich habe das nicht so richtig in Bezug zueinander gebracht. Der André meinte dann, es wäre cool, wenn ich mich als MVP einbringen könnte, um gewisse Themenblöcke auf der CloudLand zu stärken, also als Leitungskraft dabei zu sein. Das fand ich cool und da habe ich zugestimmt. 
Wir hatten dann noch 23 Gespräche und schließlich war ich bei der Vorbereitung für die aktuelle CloudLand mit an Bord. Das war ein super inspirierender Termin. Ich habe den Fried und andere Kollegen von der DOAG näher kennengelernt. Dann habe ich mich ein bisschen mehr mit der DOAG auseinandergesetzt und verstanden, dass das DOAG-Konstrukt aus der Oracle-Blase entstanden ist, sich aber seit ein paar Jahren weiter aufmacht, um die Tech-Communities zu unterstützen. Und weil das ein Alignment ist mit dem, was ich gerne mache, nämlich Communities zu unterstützen und sie nach vorne zu bringen, habe ich gedacht, ich kann mich noch mehr engagieren. Und wie es der Zufall wollte, kam diese Frage, ob ich mir das vorstellen kann, hier einzuspringen und genau dieses Thema der Gruppen zu übernehmen.

Wo siehst du denn deinem Vorstandsbereich die größten Herausforderungen? 

Tatsächlich arbeite ich mich gerade noch in den Bereich ein. Ich habe schon den einen oder anderen Gruppenleiter kennenlernen können oder er hat Notiz von mir genommen. Es steht noch ein Zusammentreffen der Gruppenleiter mit mir aus, damit ich da ein bisschen mehr reinschauen kann. Grundsätzlich hat sich durch Corona viel verändert, was Communities angeht – wie das stattfindet, wie das wahrgenommen und auch wie das angenommen wird. 
Auch sind solche Events sicherlich eine Herausforderung für Gruppenleiter: Wo kann man sie stattfinden lassen? Welchen Vortrag können wir dort anbieten, damit das interessant für die Gruppen ist? Ich denke, das sind wichtige Themen. Allerdings ist das erstmal eine Annahme, die ist nicht bestätigt. Ich bin neugierig auf das, was da kommt. Ich hoffe, dass ich da sehr viel unterstützen kann, lokale Communities miteinander zu verbinden und das Netzwerk zu verstärken, um die Relevanz wieder nach vorne zu bringen, und damit dafür zu sorgen, dass die Tech Communities lokal einen Platz haben, sich auszutauschen.

In deinen Bereich fällt zudem die Nachwuchsförderung der DOAG. Hast du hier bereits erste Ideen? 

Es ist aus meiner Wahrnehmung nicht besonders leicht, gerade auch für das Thema Oracle, Leute zu begeistern, die direkt mit frisch einsteigen, darum ist es ja umso wichtiger, dass sich eine DOAG weiterentwickelt und diese Position “Wir sind ein wichtiges Instrument der IT Communities, die weitaus mehr sind als Oracle” zu fördern und zu stützen. Das ist ja auch die Aufgabe des Vereins und wird sicherlich dazu beitragen, dass wir auch in Fragen von Nachwuchs – und den gibt es da draußen – besser werden können. Ich glaube, dass ich durch das Netzwerk, das ich selbst mitbringe, für Nachwuchs sorgen kann. Und auch durch bestimmte Aktivitäten, die wir starten werden, möchte ich dafür sorgen, dass die DOAG sich verjüngt.

Worauf freust du dich in diesem Jahr bei der DOAG am meisten? 

Oha, das ist sehr schwer zu beantworten, weil das so sehr mit allem Möglichen gemischt ist. Aber tatsächlich freue ich mich wahnsinnig auf die Delegiertenversammlung. Das ist ein Highlight für mich. Ich habe sowas noch nie beigewohnt. Als Teil einer solchen Versammlung habe ich das als ITler schon begleitet, da war ich dann zum Beispiel als Aussteller beim Deutschen Alpenverein mit vor Ort. Jetzt als Teil des Ganzen mal dabei zu sein, darauf freue ich mich riesig. Aber natürlich auch nicht unwesentlich weniger auf die CloudLand 2025. Das wird ein starkes Event und da habe ich mega Bock drauf. 

Ralf, vielen Dank für das Gespräch.

Ralf Richter, DOAG Vorstand Gruppen© DOAG