Interview mit Katharina Schraft: "Den entscheidenden Unterschied im Projekt stellen am Ende nicht die Systeme dar, sondern immer die Menschen."

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  • Oracle, Business Solutions, Netsuite

Wir sprachen mit der Leiterin der DOAG Business Solutions Community und Vorstand Business Solutions über einen NetSuite-Rechtsstreit in den USA.

Die Computerwoche berichtete in ihrer Ausgabe vom 27. Juni 2023 über den Rechtsstreit eines US-amerikanischen NetSuite-Kunden, der den Softwarehersteller Oracle NetSuite wegen Betrug, Falschangaben und Vertragsbruch anklagt. Dabei geht es um SuiteSuccess, eine für kleine und mittelgroße Unternehmen zugeschnittene ERP-Lösung aus der Cloud. Es heißt, dass die Verantwortlichen von Oracle NetSuite den Kunden vorgaukeln würden, SuiteSuccess sei eine branchenspezifische SaaS-Lösung, die sich mit geringem Aufwand an die individuellen Anforderungen einzelner Unternehmenskunden anpassen lasse. In der Anklageschrift steht, dass in Wirklichkeit der Softwareanbieter seine versprochenen Funktionen nicht zu dem angebotenen Preis liefern könne.


Liebe Katharina, im Rahmen deiner DOAG-Gremienarbeit gibt es immer wieder Themen, die der objektiven Aufklärung bedürfen. Im Beispiel des jüngsten Artikels in der Computerwoche ist nicht vom ERP-Produkt NetSuite die Rede, sondern von SuiteSuccess. Handelt es sich hierbei tatsächlich um ein Synonym für das NetSuite ERP, ist es ein Softwareprodukt oder doch eher eine Vorgehensweise?

SuiteSuccess ist eine Kombination aus Vorgehensmethode und einfach zu konfigurierendem Softwareprodukt und kann somit ein optimaler Startpunkt für eine individuelle Kundenlösung darstellen. Damit soll einfacher und schneller dem Kunden die passende Lösung demonstriert und angeboten werden. Die Einführung der Lösung vollzieht sich ebenfalls reibungsloser, da es bereits eine Menge von Dokumentationen und Erfahrungen gibt, die dem Kunden mitgeliefert werden. Hierbei geht es beispielsweise auch darum, welche Anwendungspakete es gibt, die sich für eine spezielle Art von Geschäft in einer Region oder einem Land gut eignen. Das alles baut immer noch auf NetSuite ERP als Produkt auf, ist aber kein Synonym.

Gerade bei branchen- oder zielgruppenspezifischen Softwareangeboten ist es von großer Bedeutung, den genauen Funktionsumfang abzugrenzen und so eine verlässliche Vertragsgrundlage für die ERP-Einführung zu schaffen. Über welche Möglichkeiten verfügt denn grundsätzlich der Kunde, um sich hinsichtlich der Funktionalität bzw. des Lieferumfangs von SuiteSuccess zu informieren?

In der vom Hersteller bereitgestellten Dokumentation sowie den Präsentationsfolien für den Vertriebsprozess, werden die einzelnen Komponenten vorgestellt. Das kann eine Basis sein, um kritische Bereiche und Geschäftsprozesse zu detaillieren. Die offen verfügbaren Informationen sind allerdings High-Level dokumentiert, um dem Kunden einen schnellen Überblick zu verschaffen. Für viele Kunden ist dieser Informationsgehalt schon ausreichend. Allerdings ist auch genau das der Zeitpunkt für eine kritische Betrachtungsweise, um von Anfang an die richtige Richtung einzuschlagen. Sofern mehr Informationen notwendig sind, werden diese auf Nachfrage auch bereitgestellt.

Gibt es für SuiteSuccess oder auch generell für NetSuite branchenspezifische Angebote? Wie unterscheiden sich diese ggf. von den "generischen" Produktvarianten?

NetSuite lässt sich beliebig – für fast jede Branche – in einer Art Baukastensystem konfigurieren. Hier gibt es abseits von SuiteSuccess, das auch nicht in allen Ländern verfügbar ist, eine Vielzahl von Basis-Editionen und Zusatzmodulen, wie auch Third-Party Applikationen. Allerdings sind die Branchenspezifika nicht eindeutig Modulen zuzuordnen, da diese eher Funktionalitäten beinhalten. Zum Beispiel das Modul "SuiteProjects", welches die Projektplanung bis hin zur Ressourcenplanung abdeckt, kann bei Beratungsunternehmen – aber auch im Logistik- und Produktionsumfeld – eingesetzt werden. Oft ist Branchenspezifika bei Third-Party Applikationen erstmal offensichtlicher, da häufig ein Bedarf aus einer speziellen Branche am Anfang steht, der sich mit NetSuite im Standard aus verschiedenen Gründen schwertut. Hier gibt es beispielsweise ergänzende Lösungen von der Produktionsplanung bis hin zu Lokalisierungen.

Wie kann der Kunde tatsächlich sicherstellen, dass er am Ende auch ein ERP-System geliefert bekommt, welches seinen Bedürfnissen in Puncto Funktionalität und Wirtschaftlichkeit genügt?

Hier ist ganz klar entscheidend, dass der Kunde sich aktiv einbringt und seine Erwartungen eindeutig definiert. Das ist zwar meistens schwer – aber sonst muss man sich immer darauf verlassen, dass jemand anderes auch tatsächlich die richtigen Funktionalitäten vorgibt. Häufig ist die Rede davon, dass der "Standard" notwendig sei, allerdings sind meistens Branchenfokus, Firmenmentalität sowie jeweilige Gegebenheiten wichtig, die das ERP im Standard so nicht abdeckt. Einfaches Beispiel: NetSuite hat ein Basis-Rollenkonzept. Das wird mitgeliefert und das funktioniert. Es muss allerdings nicht zu der Arbeitsorganisation im Unternehmen passen. Hier gibt es verschiedene Methoden oder auch Erfahrungen bei Beratungsunternehmen, die als Grundlage oder "Best Practices" verwendet werden und die während der Analyse und Implementierung dabei helfen, die eigenen Anforderungen zu dokumentieren, um sie auch danach strukturiert testbar und als Grundlage für eine Abnahme verwendbar zu machen. Bezüglich der Wirtschaftlichkeit sollte von Anfang an ein Budget definiert sein, welches nicht direkt mit der konfigurierten Lösung und Beratungsleistung erschöpft ist.

Wie kann die DOAG dabei unterstützen, dass NetSuite-Kunden mit realistischen Erwartungen und Zielen in die Projekte gehen sowie im Zuge der Implementierung und dem anschließenden Betrieb keine bösen Überraschungen erleben?

Die DOAG hat erfahrene Mitglieder und Aktive, die viele Projekte mit unterschiedlichen Systemen durchgeführt oder auch zahlreiche Erfahrungen mit eigenen Systemen gesammelt haben. Das ist sehr wertvoll für Unternehmen, die vor diesem großen Schritt des Systemwechsels stehen. Ziel ist es, voneinander zu lernen sowie vorliegende Erfahrungen und Materialien zu verwenden. Auch der persönliche Austausch über diese Erfahrungen hilft enorm – das ist gerade bei Events wie den kommenden European NetSuite User Days im November 2023 möglich. Bei dieser Art von Event können sich Anwender, Entscheider, Administratoren ganz offen unterhalten und voneinander lernen. Und wenn etwas mit dem System nicht gut funktioniert (SuiteSuccess, NetSuite Standard oder auch Partnerlösung bis hin zur Entwicklung oder Middleware) ist auch der Hersteller mit vor Ort und kann direkt darauf reagieren. Den entscheidenden Unterschied im Projekt stellen am Ende nicht die Systeme dar, sondern immer die Menschen. Und genau diese möchten wir zusammenbringen und unterstützen.


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