Künstliche Intelligenz in der Medizin

  • Erstellt von Moritz Rißmann
  • KI, Konferenz, Gesellschaft

Künstliche Intelligenz verändert die Medizin bereits jetzt. Sie verspricht schnellere Forschung, präzisere Behandlungen und mehr Zeit für Patientinnen und Patienten.

Künstliche Intelligenz verändert die Medizin gerade grundlegend. Von der Früherkennung seltener Krankheiten über die Entwicklung neuer Medikamente bis hin zur Entlastung von Ärztinnen und Ärzten im Klinikalltag. KI-Systeme sind heute mehr als nur ein technisches Hilfsmittel. Sie wirken wie ein zusätzlicher, unermüdlicher Kollege, der Tag und Nacht Daten analysiert, Auffälligkeiten erkennt und Vorschläge liefert. Doch wo große Chancen liegen, entstehen auch neue Risiken und ethische Fragen.
 

Diagnostik: Präzision auf Pixelbasis

Eines der sichtbarsten Einsatzfelder von KI ist die medizinische Bildanalyse. Systeme, die auf Deep-Learning-Algorithmen basieren, können Röntgen-, MRT- oder Mikroskopiebilder innerhalb von Sekunden auswerten. Dabei entdecken sie nicht selten Details, die dem menschlichen Auge entgehen.

Ein Beispiel: Das KI-System von Google DeepMind konnte Brustkrebs in Mammographien mit einer Genauigkeit von bis zu 99 Prozent erkennen und gleichzeitig die Zahl der Fehlalarme senken. Solche Fortschritte bedeuten nicht nur mehr Sicherheit für Patientinnen und Patienten, sondern auch weniger belastende, unnötige Folgeuntersuchungen.

Auch in der Krebsdiagnostik jenseits der Brustkrebsfrüherkennung zeigt KI beeindruckende Resultate: Das Modell ECgMPL, entwickelt an der Charles Darwin University, erkennt Gebärmutterkörper-, Brust- und Darmkrebs mit 97 bis 99 Prozent Genauigkeit. Diese Systeme arbeiten oft als Zweitmeinung parallel zum Radiologen, sodass Fehldiagnosen deutlich reduziert werden können.
 

Medikamentenentwicklung: Vom Zufall zum gezielten Entwurf

Die Entwicklung neuer Medikamente dauert heute im Schnitt über zehn Jahre und ist extrem kostenintensiv. KI hat das Potenzial, diesen Prozess dramatisch zu verkürzen. Das Unternehmen Insilico Medicine nutzte KI, um in nur wenigen Wochen Wirkstoffkandidaten zu entwerfen, die anschließend in klinische Studien gingen. Auch gegen resistente Bakterien wie MRSA wurden durch KI völlig neue Antibiotika-Kandidaten entdeckt – ein Meilenstein angesichts der global wachsenden Antibiotikaresistenz.

KI kann hierbei nicht nur bestehende Datenbanken durchsuchen, sondern auch völlig neue Molekülstrukturen "erfinden", die in der Natur nicht vorkommen, aber optimale Bindungseigenschaften für ein bestimmtes Zielprotein besitzen. Prognosen gehen davon aus, dass der Markt für KI-gestützte Medikamentenentwicklung von derzeit rund 1,94 Milliarden US-Dollar (2025) bis zum Jahr 2034 auf etwa 16,5 Milliarden US-Dollar anwachsen wird.
 

Assistenzsysteme: KI als Teammitglied & mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten

Ein weniger spektakulärer, aber im Alltag sehr relevanter Bereich ist die administrative Entlastung durch KI. Viele Ärztinnen und Ärzte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation. "Automated Medical Scribes", also automatisierte medizinische Schreibassistenten, protokollieren Gespräche, sortieren Daten und erstellen ärztliche Befunde.

In Großbritannien wurde in Hauspraxen das bislang größte KI-Dokumentationssystem eingeführt. Erste Auswertungen zeigen: Rund 80 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte berichten von Zeitersparnis und einer verbesserten Interaktion mit den Patientinnen und Patienten, weil sie weniger auf den Bildschirm schauen und sich mehr mit ihnen auseinandersetzen konnten.

Ein spektakuläres Beispiel für KI in der Medizin lieferte kürzlich Microsoft mit dem "Diagnostic Orchestrator" (MAI-DxO). Dieses System analysierte 304 besonders knifflige Fälle aus dem New England Journal of Medicine und kam in 85 Prozent der Fälle zu einer korrekten Diagnose – ein Wert, der weit über dem lag, was menschliche Ärzteteams in einer vergleichbaren Testsituation erreichten. Solche Systeme könnten künftig als Assistenz agieren, also nicht um die Ärztin oder den Arzt zu ersetzen, sondern um in besonders schwierigen Fällen eine zweite, datenbasierte Perspektive zu liefern.
 

Früherkennung: Schnelleres Handeln möglich

KI kann Veränderungen erkennen, bevor sie klinisch auffallen. Ein Forschungsteam hat ein Systeme entwickelt, die Aufnahmen der Netzhaut analysieren, um frühe Anzeichen von Demenz oder Alzheimer zu identifizieren. Hintergrund: Die feinen Blutgefäße und Nerven im Auge spiegeln den Zustand des zentralen Nervensystems wider.

Auch bei Parkinson kommt KI zunehmend zum Einsatz, zum Beispiel durch die Analyse von Gehirnbildern und motorischen Mustern. So lässt sich die Erkrankung oft Jahre vor den ersten deutlichen Symptomen erkennen, was eine frühzeitige Behandlung ermöglicht.
 

Risiken im Umgang mit KI

Trotz aller Erfolge gibt es auch Schattenseiten. Eine polnische Studie zeigte, dass Ärztinnen und Ärzte bei Endoskopien nach längerer Arbeit mit KI-Unterstützung ohne diese Hilfe schlechtere Leistungen erbrachten. Ihre Adenom-Erkennungsrate sank von 28 auf 22 Prozent. Das wirft die Frage auf: Verlernen Ärztinnen und Ärzte bestimmte Fähigkeiten, wenn sie zu sehr auf KI vertrauen? 
 

Unser Event über KI

KI ist dabei, die Medizin zu revolutionieren. Sie erkennt Krankheiten früher, entwickelt Therapien schneller und entlastet das medizinische Personal. Doch wie bei jeder Technologie gilt: Der Fortschritt muss begleitet werden von klaren ethischen Leitlinien, kontinuierlicher Qualitätskontrolle und dem Bewusstsein, dass Technologie den Menschen unterstützen und nicht ersetzen sollte. Eine qualitative Ausbildung von Expertinnen und Experten im medizinischen Bereich ist weiterhin essentiell. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, die Balance zwischen High-Tech-Unterstützung und der unverzichtbaren menschlichen Erfahrung, Empathie und Intuition zu halten.

Welche Neuigkeiten und Erkenntnisse es aus diesem und anderen gesellschaftlichen Themengebieten mit Bezug zu KI gibt, erfahrt ihr auf der KI Navigator am 19. und 20. November 2025 in Nürnberg. Dort dreht sich alles um Künstliche Intelligenz. Das vielversprechende Programm ist bereits online, Tickets zum Frühbucherpreis sind noch bis zum 1. Oktober im Shop erhältlich. Alle Informationen findet ihr auf der Event-Website.

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