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  • Von: Christian Luda
  • Konferenz + Ausstellung
  • 31.07.2019

Lars Thomsen im Interview: „Wir laufen Gefahr, immer mehr Bedenkenträger anstatt Innovatoren zu werden“

Lars Thomsen, einer der weltweit führenden Zukunftsforscher, ist Keynote Speaker auf der DOAG 2019 Konferenz + Ausstellung.

Herr Thomsen, was hat Sie bewogen, Zukunftsforscher zu werden?

Schon als Kind wurde bei uns zuhause viel über die Zukunft gesprochen und diskutiert. Dabei wurden wir Kinder von meiner Mutter immer ermutigt, unserer Fantasie freien Lauf zu lassen (sie war Kindergärtnerin), und von meinem Vater ermahnt, nicht nur Luftschlösser zu planen, sondern auch darüber nachzudenken, wie man eine solche Idee umsetzen könnte (er war Ingenieur). Diese Kombination aus Kreativität, Neugier und technischem Sachverstand waren die Zutaten und Grundlagen, die auch heute noch meine Arbeit prägen.

Welche Rolle hat Science-Fiction bei Ihrer Faszination für die Zukunft gespielt?

Science-Fiction arbeitet ebenfalls mit der Kombination aus Fantasie und technologischen Utopien. Die meisten Science-Fiction Werke folgen in ihrer Projektion einer klaren Logik und sind oft aus technischer Sicht sehr plausibel und begründbar. In der Zukunftsforschung arbeiten wir ähnlich. Die Serie „Raumschiff Enterprise“ ist übrigens entstanden, weil der Produzent Gene Roddenberry damals führende Wissenschaftler aus unterschiedlichsten Disziplinen in einem Think Tank hatte, die träumen durften, wohin sich ihr Fachgebiet in 300 Jahren entwickeln könnte.

Wir leben in einer Zeit großen Wandels. Was sagen Sie Menschen, die aufgrund der Veränderungen Angst vor der Zukunft haben?

Menschen haben Angst vor den Dingen, die sie nicht kennen oder nicht ändern können. Je mehr man sich mit der Zukunft beschäftigt, desto weniger Angst hat man vor ihr und dem Wandel, den sie bringt. Das ist nicht neu: Wandel ist das Ergebnis von Innovationen. Alles, was wir heute in unserer Zivilisation an Annehmlichkeiten täglich nutzen, war irgendwann mal eine Utopie und wurde auch sicher von vielen als „Quatsch“ abgelehnt. Aber es haben sich die Innovationen durchgesetzt, die für Menschen einen Sinn machten und ihnen einen Mehrwert brachten. Ob nun elektrischer Strom, Demokratien, Trinkwasser aus einer zentralen Wasserversorgung oder das Automobil – jede Innovation war für viele Menschen und Industrien mit einem Wandel verbunden. Man kann selbst entscheiden, ob man Teil des Wandels sein möchte oder diesen ignoriert beziehungsweise bekämpft.

Welche Zeitspanne betrachten Sie als Zukunftsforscher und inwiefern hat sich diese durch die Digitalisierung verändert?

Wir betrachten in der Regel den Zeitraum der kommenden 520 Wochen, sprich zehn Jahre. Uns interessieren vor allem sogenannte „Tipping Points“, also Umbrüche und Disruptionen aufgrund technischer, sozialer und wirtschaftlicher Trends, Innovationen und Veränderungen. Zudem muss man die Wechselbeziehungen der Trends untereinander betrachten. Die Digitalisierung beispielsweise ist isoliert betrachtet recht uninteressant, aber ihre Auswirkungen auf Arbeit, Gesellschaft und Industrien enorm, und sie wird mit künstlicher Intelligenz noch einmal eine ganz andere Dynamik erhalten.

Ist Ihr Job durch den digitalen Wandel schwieriger geworden?

Unser Job wird durch die Digitalisierung sowohl einfacher, da wir viel schneller recherchieren und kommunizieren können, aber auch komplexer, da die Veränderungsdynamik stark gestiegen ist. Trotzdem bleiben wir bei unseren Zeiträumen, in denen wir die jeweiligen Entwicklungs-Roadmaps ausarbeiten.

Können Sie kurz umreißen, wie sehr künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird?

Künstliche Intelligenz wird nach unserer Meinung das Leben, die Arbeit, die Wirtschaft und die Gesellschaft in den kommenden 10 Jahren mehr verändern als der der Siegeszug der Dampfmaschine, der das Leben der Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert veränderte. Das liegt daran, dass wir es mit einem völlig neuen technologischen Paradigma zu tun haben: Erstmals können Maschinen lernen. Wir sind zwar noch sehr am Anfang dieser Entwicklung, aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass wir Menschen nur so weit gekommen sind, weil wir in der Lage waren, zu lernen und nicht immer nur „das gleiche Programm“ abzuspielen, dann kann man erahnen, was für eine Sprengkraft künstliche Intelligenz langfristig hat.

Inwieweit ist die Bedeutung dieses Themas schon in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft angekommen?

Leider ist die Auseinandersetzung mit der Technologie, ihren Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren derzeit sowohl in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft mangelhaft und oftmals naiv. Daher machen wir uns in der Gruppe der Zukunftsforscher sehr große Sorgen, ob wir in Deutschland und Europa die Potenziale dieser neuen Schlüsseltechnologie tatsächlich heben können.

Sie haben die Bedeutung von sogenannten Tipping Points erwähnt. Können Sie anhand eines Beispiels aus der Vergangenheit einen solchen Punkt beschreiben?

Ein Tipping Point ist der Zeitpunkt, an dem eine neue Problemlösung günstiger, attraktiver und sinnvoller als die bisherige Lösung wird. Nehmen wir das Automobil als Beispiel: Als die ersten Autos entwickelt und gebaut wurden, waren von Pferden gezogene Kutschen für viele noch eine ganze Weile die bessere Wahl. Doch das Auto wurde durch Innovationen am Produkt und in der Herstellung immer besser, günstiger und leistungsfähiger, so dass der Punkt kam, an dem Pferde und Pferdekutschen nicht mehr mithalten konnten. Die ersten Autokäufer wurden noch belächelt und Hufschmiede und Pferdehändler haben sich lange eingeredet, dass auch in Zukunft das Pferd dominieren würde, aber es kam anders – und ab dem Tipping Point (Model T von Ford) sehr schnell.

Welche weiteren Trends und Technologien werden – neben KI – aus Ihrer Sicht unsere Zukunft besonders prägen? Wo erwarten Sie Tipping Points?

Wir beobachten derzeit 22 Trends mit Tipping Points – es gibt tatsächlich viele Umbrüche. Einige der spannendsten sind derzeit Service-Robotics, also Maschinen, die in Interaktion mit Menschen und menschlichen Umfeldern funktionieren. Daneben findet man im Bereich der Nahrungsmittelproduktion derzeit viele Anzeichen für bevorstehende Tipping Points, wie beim „Vertical Farming“ oder bei der künstlichen Fleischproduktion. Aber auch in den Bereichen Energie, Bildung, Materialen und Werkstoffe, Mobilitätssysteme und Medizin der dritten Generation ist in den kommenden 520 Wochen einiges an Um- und Durchbrüchen zu erwarten.

Die großen Zukunftsvisionen scheinen heute im Silicon Valley zu entstehen. Besteht die Gefahr, dass einige wenige Konzerne über unsere Zukunft bestimmen und wir in Europa den Anschluss verlieren?

Zukunft wird dort gemacht, wo Menschen ihre Ideen am effizientesten ausprobieren und umsetzen können. Dafür braucht es Risikokapital, Talente und unternehmerischen Mut, auch mal Fehler zu machen. Es fehlt uns in Europa nicht an der Ausbildung oder den Ideen, aber wir laufen Gefahr, immer mehr zu Bedenkenträgern als zu Innovatoren zu werden. Ich frage mich oftmals, ob, wenn heute erst das Automobil erfunden werden würde, wir in Europa es als „Quatsch“ ablehnen und bekämpfen würden.

Wo sehen Sie besonderen Handlungsbedarf?

Wir brauchen mehr Risikokapital und mutige Unternehmerinnen und Unternehmer, sonst verlieren wir immer mehr Boden. Zudem haben wir viel zu lange den Fokus auf „inkrementelle“ Innovation, also Produktverbesserungen gesetzt, aber disruptive Innovation vernachlässigt. Wir brauchen wieder viel mehr visionäre Menschen – und zwar in jedem Bereich unserer Gesellschaft. Veränderungen kommen nicht von allein, sie folgen einer Vision. Ich habe aber den Eindruck, dass die Gesellschaft und Politik hierfür nun wieder etwas offener geworden sind, als das noch in den letzten Jahren der Fall war.

Knapp ein Drittel Ihrer Zeit verbringen Sie mit Entdeckungs- und Forschungsreisen. Wie kann man sich so eine Reise vorstellen und können Sie uns verraten, welchen Ort Sie zuletzt bereist und was Sie dort erforscht haben?

Meist verfolge ich einen spezifischen Megatrend und recherchiere dafür viel zu den Daten, Fakten und Szenarien sowie die wichtigsten Protagonisten. Ich nehme dann Kontakt mit diesen Personen auf und spreche mit ihnen über die Entwicklungen und über deren und unsere Szenarien zur zukünftigen Entwicklung. Oftmals ergeben sich daraus für beide Seiten sehr interessante Erkenntnisse. Derzeit bin ich in den USA und besuche zahlreiche Gründer, Investoren und Wissenschaftler zum Thema „Future Food Production“. Nachdem wir mit 30 bis 50 Experten deren Einschätzungen, Erwartungen und Projektionen erörtert haben, verorten wir die mit diesem Trend zu erwartenden Tipping Points in unsere Roadmaps. Zukunft erforscht man am besten, indem man mit den Menschen darüber spricht, die daran arbeiten.

Gibt es Orte auf der Welt, an denen sich die Zukunft besonders gut erforschen lässt? Welche Orte sind das und was zeichnet Sie aus?

Es gibt mittlerweile viele „Innovation-Hotspots“, die teilweise sehr unterschiedliche Themen oder Fokus-Technologien haben. Silicon Valley ist nach wie vor einer der Orte, wo man erstaunlich viel erfahren und sehen kann – vor allem, wenn es um die Mobilität von Menschen und Gütern in der Zukunft geht. Aber mittlerweile verbringe ich auch recht viel Zeit in China, das sich in vielen der zukünftigen Schlüsselindustrien enorm gut aufgestellt hat. Aber Orte sind nur die Plätze, wo interessante und visionäre Menschen leben, arbeiten und sich austauschen. Daher treffe ich diese auch gern auf Messen oder Technologie-Festivals oder Konferenzen wie dem South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas.

Welchen Anteil haben Spekulationen und Utopien bei der Zukunftsforschung? Braucht ein Zukunftsforscher ein gewisses Maß an Fantasie?

Absolut! Zukunft beschreibt eine Zeit, die noch nicht hier ist. Aber man kann und sollte sich den Raum und die Zeit nehmen, sich mit Hilfe von Vorstellungskraft und Fantasie eine Utopie oder ein Szenario vorzustellen. Dann nämlich wird einem klarer, warum Menschen an diesen Visionen arbeiten und was ihre Motivation ist. Spekulation ist immer dann angesagt, wenn diese auf der Grundlage von Logiken, Modellen, Daten und Fakten basiert, die eine Spekulation rechtfertigen kann. Letztlich beeinflussen Utopien und Spekulation sogar die Zukunft: Immer, wenn Menschen diese teilen, verändert sich das Denken und die Dynamik von Entwicklungen in einem System.

Wie hilfreich ist bei Ihrer Arbeit ein Blick in die Vergangenheit? Macht es etwa Sinn, die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts mit den aktuellen Umbrüchen zu vergleichen?

Aus der Vergangenheit kann man gewisse Muster erkennen und ableiten, die auch in der Zukunft ihre Gültigkeit haben werden. Menschliches Verhalten lässt sich durch das Studium der Vergangenheit besser begreifen, als wenn man einfach nur die Gegenwart betrachten würde. Dabei wird einem klar, dass Innovation immer schon der Treiber der Veränderungen in Gesellschaft, Arbeit und dem Leben der Menschen war. Die soziale Akzeptanz von Durchbruchsinnovationen war auch in der Vergangenheit am Anfang einer Entwicklung sehr niedrig. Als zum Beispiel auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 elektrischer Strom „für Jedermann“ in Aussicht gestellt wurde, war die Mehrzahl der Bevölkerung strikt dagegen, elektrischen Strom in Häuser zu legen. Heute sehen wir ähnliche Vorbehalte gegen künstliche Intelligenz, Elektroautos, Roboter und viele andere Technologien.

Wo sehen Sie die deutsche IT-Branche in 10 Jahren? Was sind die größten Herausforderungen?

Künstliche Intelligenz bedeutet für die IT-Branche die wohl wichtigste Herausforderung, weil sie im Kern etwas ganz anderes darstellt, als die Batch-Verarbeitung oder klassische Programmierung. Machine Learning stellt ein komplett neues Paradigma dar, wie in Zukunft Menschen und Maschinen interagieren. Die Abkürzung IT steht für Informationstechnologie. Man muss nicht unbedingt ein Zukunftsforscher sein, um zu erkennen, dass es um viel mehr als Informationen geht: Es geht um Intelligenz und das Zusammenspiel von menschlicher und künstlicher Intelligenz in fast jedem Aspekt der Arbeit, Gesellschaft, Bildung und Wirtschaft. Das bedeutet, dass auch die IT-Branche und die Menschen, die in ihr arbeiten, neu denken und neu lernen müssen. Und nicht nur unsere Kinder – wir alle!