Musikalische Künstliche Intelligenz erobert die Welt

  • Erstellt von Moritz Rißmann
  • KI, Konferenz, Gesellschaft

Spätestens seit Anfang des Jahres kann so gut wie jeder Mensch ganz einfach eigene Musik erschaffen – mithilfe von KI. Welche Auswirkungen das hat, haben wir hier zusammengefasst.

Kleiner historischer Überblick

Tatsächlich spielt Künstliche Intelligenz schon länger eine Rolle in der musikalischen Branche. Bereits im Jahr 2020 wurde mit Künstlicher Intelligenz in der Musikwelt experimentiert. Ali Nikrang, Professor für KI und Musikalische Kreation an der Hochschule für Musik und Theater München, stellte sein Projekt "Ricercar" vor. Dabei wurde in einem Flügel eine KI integriert, sodass die generierte Musik direkt abgespielt wurde. Die KI gibt eine Melodie vor, der Musiker oder die Musikerin erweitert diese und die KI geht auf das Gespielte erneut ein.

"Das ist ein großer Unterschied zum Menschen: Die Künstliche Intelligenz hat nicht den Wunsch, etwas Neues zu erschaffen!" – Ali Nikrang

Ein ehemaliger Mitarbeiter von Google veröffentlicht im März 2021 die KI "Udio". Hierbei reichen der Künstlichen Intelligenz bereits ein grob formulierter Auftrag, "prompt" genannt, um einen Musiktext und eine Melodie zu kreieren. Dabei erzielte sie schon täuschend echte Ergebnisse. Die Soundqualität lässt jedoch etwas zu wünschen übrig. Stimmen bekannter Künstlerinnen und Künstler werden aber mit Absicht nicht erzeugt. 

Anfang des Jahres 2024 erobert das dritte Modell der "Suno AI" das Internet. Das innovative Unternehmen aus Cambridge hat sich als Ziel gesetzt, dass jeder Mensch seine Musik erstellen kann, die er beziehungsweise sie sich wünscht, und "Suno AI" so die menschliche Kreativität ergänzt und erweitert. Dazu kommen natürlich qualitative Optimierungen, wie besserer Sound, schnellere Generationszeit und erweiterte Sprachausgabe. "Suno AI" hat somit neue Maßstäbe gesetzt und bereits die Nutzerinnen und Nutzer überzeugt.
 

Chancen und Einsatzmöglichkeiten von KI

Mit dem Eintritt der KI in die Musikwelt ergeben sich wieder viele neue Möglichkeiten bei der Anwendung neben der Generierung von Songs. Zum Beispiel hilft KI Musikerinnen und Musikern dabei, die Vorlieben ihrer Zielgruppe besser zu verstehen, die Fans zu erreichen und neue Trends aufzudecken. Dabei sammelt die Künstliche Intelligenz Daten von Streaming-Anbietern und Social-Media-Kanälen und analysiert die Vielzahl von Aufrufen, Kommentaren, Likes und weiteren Interaktionen mit der Künstlerin beziehungsweise dem Künstler und stellt sie in Zusammenhang mit Liedtexten und Melodien. Dadurch erkennt eine KI, welche Musikerin oder Musiker aktuell populär ist und welche Muster oder Genres bevorzugt gehört werden. Daraus ergeben sich dann Prognosen für kommerziellen Erfolg.

Diverse Streaming-Plattformen nutzen bereits KI-Tools als Empfehlungssystem: Die Hörgewohnheiten werden analysiert und auf Basis dieser Analyse wird den Nutzerinnen und Nutzern neue Musik vorgeschlagen. Auch davon können Musikerinnen und Musiker profitieren, wenn sie beispielsweise in einer Playlist vorgeschlagen werden.

Natürlich kann KI die Kreativitätsblockaden bei Musikschaffenden lösen und neue Denkanstöße geben. Sie unterstützen bei der Kreation von Melodien oder geben Alternativen. Viele KI-Sound-Tools erschaffen dabei keine vollständigen Lieder, aber eben diverse Sounds, die die Kreativität wieder in Gang bringen. Text-KIs helfen der Musikerin oder dem Musiker beim Perspektivwechsel oder beim Optimieren des Textes, indem es Wörter vorschlägt, die besser zum Text passen, oder ungewöhnliche Phrasen entdeckt. 

Beim Mastering von Liedern, also dem letzten Schliff bei einem musikalischen Werk, unterstützt KI ebenfalls. Hintergrundgeräusche werden erkannt und entfernt, Tonhöhenfehler werden korrigiert, die Tonqualität wird verbessert – es gibt viele Möglichkeiten für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in diesem Bereich. Dadurch wird der Prozess des Abmischens optimiert, sodass es für Künstlerinnen und Künstler weniger zeitaufwändig und somit kostengünstiger wird, den gewünschten Klang zu erreichen.

Natürlich findet KI auch Anwendung bei der Vermarktung einer Musikerin beziehungsweise eines Musikers. ChatGPT liefert Textvorlagen, zum Beispiel für Social-Media-Posts, Blogartikel oder die Biografie. Selbst bei einer Tour hilft KI als Planungs- und Organisationstool und kann eine Liste, einen Plan und eine Reiseroute für die bestimmten Bedürfnisse zusammenstellen.
 

Kritik an KI-generierter Musik

Auch hier muss sich die Nutzung von KI einigen Kritikpunkten stellen. Das größte Problem wird die Datenbeschaffung für die KI sein. Jede KI muss mit Daten versorgt werden. Dadurch müssen viele verschiedene musikalische Kompositionen analysiert werden. Meistens erhalten die Urheber unfairerweise keine finanzielle Entschädigung für die Benutzung ihrer Werke für das Trainieren der Künstlichen Intelligenz. Dies sollte angepasst werden. 

Qualitativ wird kritisiert, dass die geschaffene Musik einer KI eher generisch wirkt. Eine Künstliche Intelligenz erkennt bestimmte Muster innerhalb der Musik, die dann nach einem Wahrscheinlichkeitsprinzip reproduziert werden. Das Resultat ist eine Reihenfolge von Mustern, die nach der Logik der KI am besten klingt. Das Lied transportiert somit kaum Gefühle und Emotionen, da die Künstliche Intelligenz oft nicht genau weiß, was die Benutzerin oder der Benutzer von ihr möchte. Sie schöpft nur aus vorhandenem Material. Musik lebt jedoch von Emotionen und nicht nur von der genauen Reihenfolge von Tönen.

Auch werden die Songs nicht immer fehlerfrei generiert – Wörter werden hinzugedichtet, die gar nicht hingehören, Silben seltsam ausgesprochen oder die Struktur aus Strophe und Refrain wird vermischt. Hier bedarf es manueller Bearbeitung.

Weiterhin gibt es große Skepsis in der Musikbranche, da viele Beteiligte befürchten, von einer Künstlichen Intelligenz ersetzt zu werden, wie eine Studie im Auftrag der Musikverwertungsgesellschaften Gema (Deutschland) und Sacem (Frankreich) zeigt. Darin schätzten 64 Prozent der Befragten KI in der Musik als Risiko ein. Sie fordern erst mehr Transparenz und eine wirksame Regulierung mit der KI-Verordnung in Europa.

"KI als Tool soll kreative Arbeit unterstützen und nicht ersetzen." – Gema 
 

AI Act als Vorreiter

Am 21. Mai 2024 beschloss der Rat der Europäischen Union (EU) die ersten einheitlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI in der EU. Damit ist sie mit dem sogenannten AI Act Vorreiter in diesem Gebiet. Dieser bildet eine Basis für die Regulierung von Künstlicher Intelligenz und schafft so mehr Vertrauen und Akzeptanz für die Technologie. Die wichtigsten Inhalte dieses Beschlusses sind der Ausschluss des Missbrauchs von KI-Anwendungen, die Gewährleistung des Schutzes der Grundrechte sowie die Bedingungen des risikobasierten Ansatzes, das heißt, je höher das Risiko bei der Anwendung, desto strenger sind die Vorgaben. Hochriskante KI-Systeme, zum Beispiel im Bereich der kritischen Infrastruktur oder im Gesundheitswesen, müssen weitere bestimmte Anforderungen bestehen, um überhaupt zugelassen zu werden. 

Außerdem gilt dabei die Transparenz- und Informationspflicht. Inhalte, wie Audio, Bilder, Videos und Texte, die mit mithilfe von Künstlicher Intelligenz erschaffen wurden, müssen eindeutig als solche gekennzeichnet werden. Also sollte dementsprechend auch KI-geschaffene Musik deutlich erkennbar sein. Der AI Act tritt am 1. August 2024 in Kraft. Zeitnah muss die Bundesregierung einen Vorschlag für ein nationales Durchführungsgesetz zum AI Act vorlegen.
 

Unser Event zu KI

KI verändert die Entstehung von Musik grundlegend, Impulsgeber bleibt aber der Mensch. Die Themengebiete rund um KI werden immer vielfältiger und komplexer. Weitere Neuigkeiten, Trends und Erkenntnisse zum Thema Künstliche Intelligenz stellen wir auf der KI Navigator 2024 vor. Bereits zum zweiten Mal gilt das Event vom 20. bis 21. November als Kompass für die Anwendung von KI in Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft. Behandelt werden die Themen in Fachvorträgen, Paneldiskussionen und in einer interaktiven AI Experience World. Überzeugt euch selbst und werft einen Blick in unser spannendes und vielfältiges Programm. Noch bis zum 30. September könnt ihr euch ein Ticket zum Early-Bird-Preis in unserem Shop sichern. Weitere Informationen dazu findet ihr auf unserer Event-Website.

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