Nachruf auf Franz Niedermaier: Pragmatiker mit Weitblick

  • Erstellt von Günther Stürner
  • Oracle, Vereinsleben

Günther Stürner erinnert an das DOAG-Ehrenmitglied Franz Niedermaier, den langjährigen Oracle-Chef Deutschlands, ohne den es die DOAG wohl nicht gäbe.

Es war eine turbulente Zeit, Mitte der 80er Jahre, für das noch junge Software-Unternehmen aus Belmont in Kalifornien. Das relationale Datenbankmodell hatte sich als tragfähig erwiesen und Oracle, wie die Firma nach zwei Namensänderungen inzwischen hieß, hatte sich auch außerhalb der USA in immer mehr Ländern niedergelassen.

Oracle UK war bereits sehr erfolgreich. Oracle Europe, das den Rest von Europa repräsentierte, gründete Landesorganisationen in den meisten anderen Ländern in Europa und blies zur Aufholjagd.

Die Oracle Deutschland GmbH war gerade mal ein Jahr alt, als der damals 48-jährige Franz Niedermaier 1987 die Geschäftsführung übernahm. Er war kein unbeschriebenes Blatt in der IT-Branche, hatte er doch reichlich Erfahrung gesammelt als Sperry-Vertriebsdirektor (Sperry-Univac-Großrechner galten als das Nonplusultra der Großrechner) und danach als Geschäftsführer der Candle GmbH, einer Software-Schmiede aus Los Angeles, deren Spezialität das Monitoring von IBM-Großrechnern war. Beste Voraussetzungen also, um einer aufstrebenden Softwarefirma, die das coolste Produkt der damaligen Zeit entwickelt hatte, in Deutschland auf die Sprünge zu helfen.

Obwohl Oracle schon seit 1984 auf dem deutschen Markt aktiv war, kann man ohne Übertreibung sagen, dass erst mit dem Eintritt von FN – wie Franz Niedermaier intern genannt wurde – die Erfolgsgeschichte von Oracle Deutschland so richtig begann.

Vertrieb ohne Kundennähe war für ihn undenkbar. Kundenorientierung war kein leeres Schlagwort, keine Worthülse.  Kundennähe und Kundenorientierung musste gelebt, musste gefühlt, musste jeden Tag neu erarbeitet werden. Der Kunde als Mittelpunkt aller Aktivitäten. Frei nach Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger: „Unternehmen haben keine Freunde, Unternehmen haben Kunden, die sie wie Freunde behandeln sollten.“

Kein Wunder, dass er der Idee einer Oracle-Benutzergruppe nur Positives abgewinnen konnte. Wenn Oracle-Kunden sich austauschen und voneinander lernen konnten, war das nicht nur für die Kunden von Vorteil. So wurde Franz Niedermaier der Geburtshelfer, der Finanzier (zumindest in den ersten Jahren) und der größte Fan (seine Worte) der DOAG.

Um Kundennähe zu praktizieren, brauchte man jedoch einerseits Standorte in allen relevanten Regionen und andererseits Mitarbeiter für den Vertrieb sowie Mitarbeiter, die den fachlichen, den technischen Part exzellent abdecken konnten. 23 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren 1987 bei Oracle angestellt. Ein Jahr später waren es schon mehr als viermal so viel (104) und noch ein Jahr später waren es ca. 180. „Wir brauchen viele, aber nicht jede und nicht jeden, wir brauchen die Besten“. Noch so ein Spruch, den man immer wieder zu hören bekam.

Ein tolles Produkt, gute Präsenz in allen Regionen, gute Mitarbeiter und ein vorbildliches Miteinander, das war das Erfolgsrezept. Und mit dem Erfolg kam noch mehr Selbstbewusstsein. Man wollte sich im Bereich Kundenansprache und Marketing nicht nur auf die Ideen aus dem HQ verlassen und so erfand man eine eigene Marketingstrategie. Oracle O.S.E. (Open Software Environment), konzipiert von Axel Kropp, stand für ein Sieben-Schichten-Modell, das im „Einflussbereich“ von FN intensiv genutzt wurde. Von Oracle Europa geduldet, von Oracle HQ übersehen, von den Kunden verstanden und honoriert.

Auch die Beteiligung an der Robotron Datenbank GmbH, die sich nach der Wende neu erfinden musste, war ein überaus kluger Schachzug der beiden Protagonisten Franz Niedermaier und Rolf Heinemann, auch wenn einige der HQ-Manager damals mehr als nur die Nase rümpften. Fakt ist: Für Oracle wurde ein exzellenter Partner mit besten Kontakten in den neuen Bundesländern gefunden und Robotron konnte mit der Oracle-DB sein hervorragendes Datenbank Know-how unmittelbar nutzen.

Einen der erfolgreichsten Deals in der gesamten Oracle-Historie wurde Ende der 80er Jahre von Franz Niedermaier eingefädelt. Als die SAP mit ihrem R/2-Ablöseprojekt, das die neuen Unix-Server und das relationale Datenbankmodell unterstützen sollte, in Schwierigkeiten geriet, bot er die Oracle-Datenbank und Entwicklungsexpertise an. Für beide Unternehmen wurde diese Zusammenarbeit ein großer Erfolg. SAP wäre heute nicht die Firma, die sie heute ist, wenn R/3 gescheitert wäre, und Oracle hat, neben den direkten Lizenzeinnahmen (es gibt vermutlich kein anderes Einzelprojekt, das mehr Geld in die Kasse gespült hat), das Label „Enterprise-Ready“ erhalten.

Diese beiden genialen Schachzüge waren Gold wert. Dass das nicht bei allen Verantwortlichen in Redwood Shores so gesehen wurde, zeigt nur, dass Weitblick und langer Atem nicht immer dort angesiedelt sind, wo man es eigentlich erwartet.

Franz Niedermaier war der erste Geschäftsführer von Oracle in Deutschland und er hat die GmbH und eine ganze Generation von Oraclern weit über seine aktive Zeit hinaus geprägt und beeinflusst.

Servus Franz. Wir werden Sie nicht vergessen!

Franz Niedermaier ist am 5. Dezember 2021 verstorben.

Günther Stürner

 

Die DOAG hat ein Online-Kondolenzbuch aufgelegt, das zu finden ist unter:

https://tinyurl.com/franzniedermaier