Herr Ebert, Sie haben nach dem abgeschlossenen Physikstudium zunächst als Unternehmensberater gearbeitet. Wie kam es schließlich dazu, dass Sie zum Kabarett gewechselt sind?
Es stimmt, ich habe nach dem Studium drei Jahre in einer Beratungsfirma für Banken und Versicherungen gearbeitet. Einer Branche, in der traditionell Spaß und gute Laune richtig groß geschrieben werden. Viele fragen mich dann immer: "Ein Physiker als Unternehmensberater? Wie kann das sein?" Die Antwort ist einfach: Als Physiker verstehen Sie von Beratung genauso wenig wie ein BWLer auch – dafür aber in der Hälfte der Zeit. Schon damals hatte ich die Tendenz, Zusammenhänge eher humorvoll und unorthodox zu erklären. Deswegen habe ich bei Kundenpräsentationen auch immer wieder kleinere Gags über das jeweilige Unternehmen eingebaut. Und das kam damals leider nicht so gut an. Inzwischen werde ich zum Teil von den gleichen Unternehmen für kabarettistische Vorträge gebucht. Das, was ich heute auf der Bühne sage, hätte mir damals wahrscheinlich eine Abmahnung eingebracht. Das nenne ich Narrenfreiheit.
Die Digitalisierung löst bei vielen Menschen Zukunftsängste aus. Sie raten zur Gelassenheit. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht? Und wie kann man den Menschen die Ängste nehmen?
Wir Deutschen sind ja in vielen Technologien eher die klassischen Bedenkenträger. Wir sehen zuallererst Risiken und Gefahren und nicht Chancen und Möglichkeiten. Ob bei der Gentechnik, der Stammzellenforschung oder der Kernenergie. So eine Stimmung vor 500.000 Jahren und die Sache mit dem Feuer wäre bei uns in Deutschland wahrscheinlich nie genehmigt worden. Auch bei der Digitalisierung sind wir traditionell skeptisch und zurückhaltend. Laut einer Umfrage befürchten 47 % aller deutschen Arbeitnehmer, dass durch die Digitalisierung ihr Arbeitsplatz verschwinden könnte. Sind solche Zahlen seriös? Naja. Vor einiger Zeit hat ein großer Radiosender bei seinen Hörern eine Umfrage durchgeführt und hat sie aufgefordert mit "Ja" oder mit "Nein" abzustimmen. Daraufhin haben 73 % mit "Ja" gestimmt. Und das, obwohl überhaupt keine Frage gestellt wurde.
Natürlich werden durch die Digitalisierung bestimmte Arbeitsplätze verloren gehen. Aber ist das wirklich so schlimm? In den letzten 100 Jahren sind 95 % aller Arbeitsplätze in der Landwirtschaft weggefallen. Hat uns das in eine Krise gestürzt? Im Gegenteil. Seitdem ist unsere gesamte Arbeitswelt spannender, vielfältiger und kreativer geworden. Wir müssen also vor der digitalen Transformation keine Angst haben. Im Gegenteil.
Noch vor 15 Jahren wurde Rudolf Moshammer mit einem Telefonkabel erdrosselt. Das wäre heute rein technisch überhaupt nicht mehr möglich.
Gibt es in Verbindung mit KI Zukunftsszenarien, auf die Sie sich freuen?
Schon heute ist KI ein mächtiges und einflussreiches Tool. Damit können wir Unwetter vorausberechnen, Logistikketten optimieren und sehr gute Prognosen über das Kaufverhalten von Zielgruppen machen. In der medizinischen Diagnostik können Algorithmen schon heute Tumore teilweiser schneller, besser und präziser erkennen als Onkologen. Gleichzeitig versteht bis zum heutigen Tag kein Computer eine einfache Kindergeschichte, die man ihm vorliest. Prozessoren wissen auch nicht, dass man nach dem Tod nicht mehr zurückkommt oder dass man mit einem Bindfaden ziehen aber nicht schieben kann. Computer rechnen, Gehirne verstehen. Das ist der fundamentale Unterschied. Und solange ein Computer nicht wirklich versteht, was er lernt, ist er im menschlichen Sinne weder intelligent noch kreativ. Und er hat erst recht keinen Humor. Wir Menschen schon. Zwei Colibakterien kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: "Tut mir leid, wir bedienen keine Colibakterien." "Wieso bedienen?" antworten die zwei. "Wir arbeiten seit Wochen in Deiner Küche...."
Ihr aktuelles Bühnenprogramm trägt den Titel "Make Science Great Again!". Woran mangelt es der Wissenschaft aktuell?
Der Wissenschaft geht es eigentlich recht gut. Die Ansprüche allerdings, die wir Menschen an die Wissenschaft haben, sind oftmals überzogen. Wir erwarten, dass die Wissenschaft klare Handlungsanweisungen gibt, wie wir unsere Zukunft gestalten sollen. Doch das kann sie gar nicht. Ein Kernphysiker kann ausrechnen, wie viel Energie durch eine Kernspaltung frei wird. Aber die Kernphysik macht keine Aussage darüber, ob wir als Gesellschaft die Kernenergie nutzen sollen oder nicht. Wissenschaft ist eine clevere Methode, um herauszufinden, wie unsere Welt funktioniert. Aber die Wissenschaft liefert uns keine Patentrezepte, geschweige denn Lösungen, wie wir unsere Zukunft gestalten sollen. Sie bietet uns lediglich Methoden an, um immer bessere Erkenntnisse zu gewinnen, auf deren Basis wir neue Wege für die Zukunft definieren können. Doch diese Zukunft ist und bleibt offen, weil die gefundenen Erkenntnisse und Fakten immer nur vorläufig sind.
Sie haben für einige Zeit in New York gelebt und sind dort als Stand-up-Comedian aufgetreten. Was waren die größten Unterschiede zum deutschen Publikum?
In den USA sind die Menschen von ihrer Mentalität her tatsächlich positiver und optimistischer. Das merkt man an ganz vielen kleinen Dingen. Zum Beispiel gibt es in amerikanischen Restaurants nach dem Essen sehr oft einen Glückskeks. Das sind diese kleinen Dinger mit einem positiven Spruch drin: "Wer sich auf die Zehen stellt, wächst über sich hinaus! Lebe jeden Tag als ob’s ein anderer wäre!"
Ich habe mir immer vorgestellt, wenn es sowas in der deutschen Gastronomie gäbe. Du brichst eine Leberkäs-Semmel auf und findest den Spruch: "Greif nicht nach den Sternen, du schaffst‘s eh nicht!"
Sie sind seit 1998 im Kabarett unterwegs. Wie hat sich das Kabarett seither entwickelt? Gibt es Gags von damals, die Sie heute nicht mehr machen würden?
Ich finde schon, dass wir derzeit in einer extrem verkrampften Zeit leben. Jeder macht sich Gedanken, was er sagen darf und was nicht. Oder ob ihm eine bestimmte Formulierung oder ein spezieller Begriff negativ ausgelegt werden könnte. Als ich vor 25 Jahren auf der Bühne angefangen habe, war es vor allem wichtig, Gags zu schreiben, bei denen die Leute lachen. Heute müssen Sie Gags schreiben, bei denen die richtigen Leute lachen. Wenn die falschen Leute lachen, dann kann es mitunter eng werden mit der Karriere. Ich schreibe derzeit an einem neuen Programm, das genau diesen Zeitgeist kritisch unter die Lupe nimmt. Denn wir brauchen in vielen Debatten mehr Lockerheit und mehr Mut, unbequeme Dinge auszusprechen und offen darüber zu diskutieren.
Herr Ebert, vielen Dank für das Gespräch.
Am Mittwoch, den 22. November erleben Sie Vince Ebert live als Keynote Speaker der DOAG 2023 Konferenz + Ausstellung und der parallel stattfindenden KI NAVIGATOR.


