Die Frage der Kosten ist bekanntlich das unbeliebte Kind der Software-Entwicklung. Das hat Scrum-Spezialist Boris Gloger nicht daran gehindert, das Thema in seinem neuen Buch aufzugreifen. "Wie schätzt man in agilen Projekten – oder wieso Scrum-Projekte erfolgreicher sind" zeigt anschaulich und kurzweilig, wie Abschätzungen und Budgetbetrachtungen in Scrum-Projekten ideal eingebracht werden. Der letzte Satz des Bandes zum agilen Schätzen kann ohne weiteres auf das Buch übertragen werden: "Probieren Sie es aus – es lohnt sich."
Zentrale Motivation von Gloger im agilen Schätzen ist es, nicht länger den Wert eines Produktes von dem Zeitaufwand der Erstellung abhängig zu machen, sondern vielmehr von den Funktionen und deren Mehrwert für den Kunden. In der Neuerscheinung stellt der Autor den Product Owner mit seinem Rollenverständnis in den Mittelpunkt.
"Ohne den Product Owner ist alles nichts"
Manifestiert wird diese Sichtweise schon im Prolog mit den Worten: "Ohne den Product Owner ist alles nichts". Der Scrum-Spezialist beschreibt den idealen Produkt Owner als gestaltenden Perfektionisten, der mit den Kundenbedürfnissen vertraut ist und Rund um die Uhr eine klare Vision seines Produktes vor Augen hat. Aus dieser Vision heraus entstehen die einzelnen Funktionen, die jeweils einen Business Value implizieren. In Summe ergeben sie das Budget des Produktes. Immer wieder greift der Trainer diesen Aspekt auf, denn der Wechsel der Betrachtungsweise stelle seiner Erfahrung nach die größte Hürde beim Umdenken und Adaptieren des agilen Schätzens dar.
Um diesen Leitgedanken rankend zeigt der Verfasser verschiedene Scrum-Aspekte neu auf. Die Begriffe minimal value product, money for nothing, change for free oder positiver Projektabbruch betrachtet Gloger teilweise unter einem anderen Licht. Für den Autor ist es essentiell, mit frühen Produktversionen schon einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen. Die Erfahrungen aus den ersten Sprints fließen in die Abschätzung und Kalkulation ein und sorgen für ein qualitativ hochwertiges und kalkulierbares Produkt.
Design Thinking während der Exploration
Die weitere Gliederung des Buches ist angelehnt an die zeitliche Abfolge einer Produktentwicklung. Im ersten Schritt der Exploration empfiehlt Gloger die Verwendung des "Design Thinking". Das Scrum-Team soll möglichst viele Informationen zum Produkt erhalten, bevor das Produkt in den Phasen Discovery, Interpretation, Ideation, Experimentation und Evolution heranwächst.
Der zweite Schritt konzentriert sich auf die Unterstützung bei der Implementierung durch verschiedene Tools und Techniken. Hier stehen der Umgang mit den "User Stories", die Behandlung des "Product Backlog" und dem "Impact Mapping" im Vordergrund.
Magic Estimation
Das zentrale Kapitel zum kontinuierlichen Schätzen greift neben Estimation Meetings und Games vor allem auch das vom Autor für Scrum verfeinerte "Magic Estimation" auf. Magic Estimation ermöglicht es dem kompletten Scrum-Team, in kurzer Zeit ein umfängliches Backlog abzuschätzen. Durch immer wiederkehrende kleine, schnelle und effiziente Schätzungen kann der gesamte Prozess verfeinert werden. Ein eigenes Kapitel widmet der Unternehmer den Besonderheiten von großen Projekten und den dadurch etablierten Verfahren wie zum Beispiel Scrum of Scrum.
"Wie schätzt man in agilen Projekten – oder wieso Scrum-Projekte erfolgreicher sind" ist eine gelungene Betrachtung der gesamten Berührungspunkte einer Produktentwicklung. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, kriegt an den passenden Stellen umfangreiche Empfehlungen in die Hand.
Natürlich deckt der Inhalt nicht umfänglich alle Sorgen, Nöte und Qualen der Abschätzung ab, denen Verantwortliche in der Software-Entwicklung regelmäßig gegenüber stehen. Aber es gelingt dem Autor, dem Leser mit vielen praktischen Beispielen, Erfahrungen und handfesten Tipps einen breiten Schatz an Hilfsmitteln für das nächste Produkt beiseite zu legen.


