Die Ankündigung, die im Rahmen eines Blogposts veröffentlicht wurde, hat seither für viel Aufsehen gesorgt. Denn der bislang über git.centos.org frei verfügbare RHEL-Quelltext stellt die Basis zahlreicher binärkompatibler, freier Klone dar, die es Anwenderinnen und Anwendern bisher ermöglichten, auf Abonnement und Support von Red Hat zu verzichten. Zu diesen beliebten Alternativen zählt neben Alma Linux, Rocky Linux und einigen weiteren auch das 2006 eingeführte Oracle Linux.
Mit CentOS hatte Red Hat lange Zeit auch einen eigenen Klon bereitgestellt, der aber bereits Ende 2021 eingestellt wurde. Weiterhin frei verfügbar ist hingegen CentOS Stream, ein Midstream zwischen den Distributionen Fedora Linux und RHEL, der es Entwicklerinnen und Entwicklern möglich macht, Funktionen künftiger Releases zu testen, und dessen Community Red Hat mit seiner Entscheidung laut des eingangs erwähnten Blogposts nun weiter stärken will. Demnach können Red-Hat-Abonnentinnen und -Abonnenten auch weiterhin frei auf die Quelltexte zugreifen. Laut Endbenutzer-Lizenzvertrag ist es den ihnen jedoch nicht gestattet, Red-Hat-Dienste zu nutzen, um daraus – direkt oder indirekt – Konkurrenzangebote zu erstellen oder Software zu verbreiten.
Reaktion von Oracle
Oracle reagierte am 10. Juli mit einem eigenen Blogpost auf die Entscheidung von Red Hat. In dem Beitrag mit dem Titel "Keep Linux Open and Free – We Can’t Afford Not To" schreiben Edward Screven, Chief Corporate Architect, und Wim Coekaerts, Head of Oracle Linux Development: "Wir werden unsere Softwareprodukte weiterhin auf Oracle Linux entwickeln und testen. Oracle Linux wird weiterhin RHEL-kompatibel sein, soweit wir es möglich machen können. In der Vergangenheit war der Zugang von Oracle zu den veröffentlichten RHEL-Quellen wichtig für die Aufrechterhaltung dieser Kompatibilität. Aus praktischer Sicht gehen wir davon aus, dass Oracle Linux bis zur Version 9.2 so kompatibel bleiben wird wie bisher, aber danach kann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kompatibilitätsproblem auftritt, größer sein. Sollte ein Kunde oder ISV von einer Inkompatibilität betroffen sein, wird Oracle daran arbeiten, das Problem zu beheben."
Garantien, wie es nach der Version 9.2 mit Oracle Linux weitergeht, gibt es also nicht. Michael Paege, Leiter der DOAG Competence Center Lizenz- und Supportfragen, ordnet die Situation wie folgt ein: "Ich denke, es gibt aktuell keinen Grund zur Panik, jetzt Migrationsprojekte weg von Oracle Linux zu planen, aber die Zukunft wird zeigen, inwieweit es Oracle gelingen wird, die Kompatibilität aufrechtzuerhalten; und vor allem – nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Oracle Support – wie lange jeweilige Service Requests bezüglich Inkompatibilität von Oracle Linux dann bis zur Fehlerbehebung dauern."
Die jüngsten Entwicklungen bringen unterdessen neben Unsicherheiten auch Unterhaltsames mit sich, haben sie doch die alte Rivalität zwischen Oracle und IBM, seit 2019 Eigentümer von Red Hat, neu befeuert. So enthält der Oracle-Blogpost einige Spitzen in Richtung IBM wie diese: "Wenn Sie auf Linux entwickeln, mit dem Vorgehen von IBM nicht einverstanden sind und genauso wie wir an die Freiheit von Linux glauben: Wir stellen Sie ein."


