Wenn lizenzierte Datenbank-Features plötzlich als getrennte Produkte verkauft werden: Auch für Replikationswerkzeuge werden Oracle-Anwender nochmal zur Kasse gebeten

  • Erstellt von mdi
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Seit dem Erscheinen von Oracle Database 12cR1 gelten Streams und Advanced Replication als "deprecated". Der leitende Datenbank-Architekt der Privatbank Berenberg Andriy Terletskyy ist nicht der Einzige, der sich gerade über Alternativen in puncto Replikation den Kopf zerbricht. DOAG Online nimmt sich den Belangen der Anwender an und berichtet über den aktuellen Stand im Replikationsumfeld.

 

Die Hamburger Privatbank Berenberg verfügt über ein Real-Time-Datawarehouse, das auf Basis des Datenbank-Features "Oracle Streams" realisiert wurde. Als ihr leitender Datenbank-Architekt Andriy Terletskyy erfuhr, dass das Replikationswerkzeug seit dem Erscheinen von Oracle Database 12cR1 als "deprecated" gelte und über kurz oder lang verschwinden würde, sei der Schock für ihn groß gewesen, berichtet der Datenbank-Spezialist. Der Berenberg-Mitarbeiter ist nicht der Einzige, der sich gerade über Alternativen in puncto Replikation den Kopf zerbricht. Eine ähnliche Entwicklung durchläuft auch das Feature Advanced Replication. DOAG Online nimmt sich den Belangen der Anwender an und berichtet über den aktuellen Stand im Replikationsumfeld.

Status deprecated – was heißt es genau?

Seit dem Erscheinen von Oracle Database 12c Release 1 haben die zwei Replikationslösungen Oracle Streams und Oracle Advanced Replication den Status "deprecated". Im Klartext heißt es, dass Oracle die Entwicklung dieser Features eingestellt hat. Sie werden demnach mit dem eingefrorenen Funktionsumfang von Oracle Database 11gR2 ausgeliefert. Oracle hat die Replikationslösungen offiziell nicht abgekündigt. Doch in der Szene ist man sich im Klaren darüber, dass der Status "deprecated" einem Todesurteil gleichkommt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste und letzte Stufe ("desupported") ausgesprochen wird und die zwei Features von der Oracle-Landkarte endgültig verschwinden.

Kein Grund zur Panik, aber keine Zeit für Vogel-Strauß-Politik

Zu diesem Zeitpunkt besteht kein Grund, in Panik zu verfallen. Die Replikationswerkzeuge laufen in Oracle 11gR2 wie gehabt. Unter der Version 12c können die Werkzeuge zwar genutzt werden – allerdings mit Einschränkungen. Es ist davon auszugehen, dass Streams und Advanced Replication neue Features und Erweiterungen sowie neue Datenformate von der Datenbank-Version 12c nicht unterstützen. Darauf macht Oracle in dem "Statement of Direction zu Oracle GoldenGate" von November 2012 aufmerksam.

Der Premier Support für Oracle Database 11gR2 endet im Januar 2015, der Extended Support im Januar 2018 (siehe Lifetime Support Policies). Bis dahin werden die meisten Anwender nach Oracle 12c migrieren. Wer von den neuen Fähigkeiten von 12c profitieren möchte, wird dann mit großer Wahrscheinlichkeit auf Probleme stoßen. Deswegen hilft an der Stelle die Vogel-Strauß-Politik wenig. Für Oracle ACE Johannes Ahrends steht fest: "In Kürze werden diese Produkte nicht mehr funktionieren."

Das ist auch die Befürchtung von Terletskyy, der den Sachverhalt ernst nimmt, aber gelassen bleibt: "Wir haben bei Berenberg die Business-Logik in der Datenbank entwickelt. Daher ist die Datenbank für uns wirklich das Herzstück der IT-Infrastruktur. Wir sind allerdings auf Stabilität angewiesen, daher werden wir erst upgraden, wenn der Support für 11gR2 endet. Es lässt uns noch ein bisschen Zeit."

Der Datenbank-Architekt ist sich dessen bewusst, dass mit dem Release-Upgrade eine Alternative her muss. Den Aufwand einer Migration würde er sogar in Kauf nehmen, zusätzliche Lizenzkosten für die gleiche Funktionalität allerdings nicht. Das könne er gegenüber dem Management nicht begründen, betont er.

Tiefer in die Tasche greifen

Und genau das ist das Problem: Als Ersatz für die beiden Replikations-Features sieht Oracle den Einsatz von Oracle GoldenGate vor, einer Lösung die deutlich mehr kann aber dafür im Gegensatz zu den Vorgängern auch extra kostet – und zwar nicht wenig.

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Heterogene und homogene Replikation gleich teuer

Oracle unterscheidet hauptsächlich zwischen zwei Produkten: GoldenGate for Oracle und Oracle for Non GoldenGate. Beide kosten jeweils laut Listenpreis 17.500 US-Dollar pro Prozessorlizenz plus 3.850 Dollar für Updates und Support.

Ob die Replikation in Oracle-Umgebungen oder zwischen heterogenen Datenbanken realisiert wird, wirkt sich demnach auf den Preis nicht aus: In jedem Fall müssen Quell- als auch Ziel-Datenbanken lizenziert werden.

Ein drittes Produkt gibt es noch: Oracle for Mainframe. Mit 100.000 US-Dollar pro Prozessorlizenz bewegen wir uns da in ganz anderen preislichen Dimensionen. 

 

Enterprise Edition für Nutzung dieser Features notwendig

"Wir haben bereits viel Geld für die Enterprise Edition der Datenbank in die Hand genommen – wohlwissend, dass eine Replikationslösung zum Funktionsumfang gehört. In Zukunft steht diese nicht mehr zur Verfügung. Mit einem nächsten Release-Upgrade werden wir sozusagen gezwungen, für die gleichen Fähigkeiten tiefer in die Tasche zu greifen", äußert der Berenberg-Mitarbeiter sein Unverständnis.

Ob Oracle Streams oder Oracle Advanced Replication – in beiden Fällen handelt es sich um Datenbank-Features, die bisher im Funktionsumfang der Oracle-Datenbank enthalten sind und demnach ohne Zusatzkosten genutzt werden können. Während die Nutzung von Streams bis zur Version 10gR2 nur in der Enterprise Edition vorgesehen war, wurde diese ab 11gR1 um die Standard Edition und Standard Edition One erweitert. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung, die den Einsatz von Oracle (SE und SE One) im Replikationsumfeld beinahe unmöglich macht: Ein Capture-Prozess der Redo-Log-Files ist mit Oracle SE und SE One nicht vorgesehen. Es empfiehlt sich also in vielen Fällen weiterhin die Verwendung der Enterprise Edition. Advanced Replication blieb indes seit der Einführung des Features ausschließlich den Anwendern der Enterprise Edition vorbehalten.

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Active Data Guard wird mitlizenziert

Wer Oracle GoldenGate for Oracle lizenziert hat, kann auch ohne Zusatzkosten die Nutzung des Features Active Data Guard genießen. Diese ist nämlich bei GoldenGate for Oracle im Lizenzierungsumfang enthalten. Das Gleiche gilt übrigens für die API Oracle XStream.

Wer diese Features damals über die Datenbank-Edition schon einmal bezahlt hat, wird jetzt noch mal zur Kasse gebeten. Das kommt für Terletskyy nicht in Frage. Er kann sich vorstellen, zu Oracle GoldenGate zu migrieren, wenn Oracle eine abgespeckte, kostenfreie Version des Werkzeugs anbietet. Eine Einschränkung der Funktionalitäten wäre für das Unternehmen vollkommen in Ordnung: "Oracle GoldenGate kann deutlich mehr als Streams, zum Beispiel die Datenreplikation zwischen heterogenen Datenbanken. Aber der Funktionsumfang von Streams ist für unsere Bedürfnisse vollkommen ausreichend", argumentiert Terletskyy.

Verständnis für Oracle-Strategie

Unabhängig von der Kostenfrage zeigt Terletskyy durchaus Verständnis für den Weg, den Oracle einschlägt. Advanced Replication wurde mit der Datenbankrelease 7.1 eingeführt; Streams kam mit Oracle Database 9.2. Beide Lösungen sind am Ende des Produkt-Lebenszyklus angelangt.

Als Oracle im Sommer 2009 GoldenGate kaufte, war die strategische Bedeutung der mächtigen Datenintegrationslösung für das Unternehmen nicht zu übersehen. Dass der Hersteller eine parallele Weiterentwicklung von drei unterschiedlichen Lösungen auf Dauer nicht leisten würde, dürfte ebenso klar gewesen sein. Aber der Kauf der Lösung hat zu einer Ausgliederung der Replikationsfunktionalitäten geführt – und im Endeffekt zur Reduzierung des Funktionsumfangs in der Datenbank.

Einen ähnlichen Sachverhalt konnte man im Bereich DWH mit der Ablösung von Oracle Warehouse Builder (OWB) durch den Oracle Data Integrator (ODI) im vergangenen Jahr beobachten (wir berichteten). Auch da waren die negativen Reaktionen unter anderem in der Ausgliederung der ETL-Funktionalitäten begründet.

Bisher rät der Hersteller davon ab, neue Projekte mit den alten Replikationswerkzeugen umzusetzen. Eine Aussage zum möglichen Zeitpunkt eines Desupports bleibt jedoch aus. Ebenso lässt eine klare Positionierung und Hilfestellung für die langjährigen Anwender dieser Technologien – wie es bei OWB/ODI der Fall war – auf sich warten.

DOAG-Umfrage soll Klarheit schaffen

Über die Konsequenzen einer abzusehenden Abkündigung von Streams und Advanced Replication im deutschsprachigen Raum soll eine anonyme Online-Umfrage Klarheit schaffen. Zum ersten Mal beteiligen sich neben der DOAG auch die Schweizerische (SOUG) und die Österreichische (AOUG) Anwendergruppen. Anhand der Ergebnisse hoffen die Interessensvertreter, im Gespräch mit dem Hersteller eine kundenfreundliche Lösung erzielen zu können. Insofern sind diese auf eine rege Teilnahme der Anwender angewiesen.